Pastoralblatt für die Diözesen

Aachen, Berlin, Hildesheim,

Köln und Osnabrück

Juni 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

„Managen“ und „geistlich leiten" müssen in der Kirche zusammenkommen, sonst wird es entweder ungöttlich und damit in der Regel unmenschlich oder es wird unprofessionell. Über den Aspekt der Führungsspiritualität denkt, u. a. von der Gestalt des Mose her, Spiritual Georg Lauscher aus dem Bistum Aachen nach. Weitere Inspirationsquellen sind ihm  Ignatius ebenso wie Hanns Dieter Hüsch.
Ein kräftiges und eindeutiges Plädoyer für den eigenen Beitrag katholischer Jugendverbände zum Kirche-Sein der Kirche formuliert der Pastoralreferent sowie Systemische Organisationsberater und Gemeindeentwickler Jan-Christoph Horn aus Münster.
Ein wirkliches „Ereignis" scheint mir das Projekt  in der Kirche St. Michael in Köln zu sein, das PR Norbert Bauer und GA Janka Keimer vorstellen. Ihre Einsatzgemeinde, zu deren Territorium die Kirche St. Michael gehört, stellt den Kirchenraum zur „Füllung" zur Verfügung. Es ist mehr als erstaunlich und ebenso ermutigend, wie Professoren und Studierende der Detmolder Schule für Architektur an der Hochschule Ostwestfalen--Lippe am Beginn dieses Jahres das Angebot genutzt haben. Lesen Sie selbst!
Auch wenn das Pbl keine ausgesprochene Fachzeitschrift für Religionspädagogik ist, alle Religionslehrer(innen) kommen - in welcher Verbundenheit auch immer - aus Gemeinden. So gehören die Ergebnisse einer Studie im Auftrag der Bistümer Aachen und Köln durchaus hierhin, die Erkenntnisse darüber vermittelt, durch wen und auf welche Weise künftige Religionslehrer(innen) zuvor mit dem Glauben in Berührung gekommen sind, ehe sie ihr Studium aufnehmen, und wie das, was sie mitbringen, zu bewerten ist. Autor des Beitrags ist einer der beiden maßgeblichen Verantwortlichen der Studie, Dipl. Psych. Michael Ley, Professor für Organisationspsychologie und Geschäftsführer des Instituts für Qualitative Bildungsforschung in Köln.
Manfred Glombik schließlich, früherer Personaldezernent der Fachhochschule Hildesheim und Fachmann für Christliche Gesellschaftslehre, schließt mit einer Betrachtung über soziale Gerechtigkeit und insbesondere soziale Gleichheit unter dem Vorzeichen der Kirche.
Möge der Pfingstgeist unsere Kirche in Fülle erreichen auf ihrer Wegsuche in herausfordernden Zeiten, wünscht und erbittet auch für Sie, liebe Leserinnen und Leser,

 

Ihr

Gunther Fleischer

 

Artikel des Monats

Georg Lauscher

-Geistlich leiten

In Gesprächen mit Menschen im pastoralen Dienst höre ich immer häufiger Fragen wie: „Bin ich überhaupt für eine Führungsaufgabe berufen? Ist es meine Berufung, ein mittelgroßes Unternehmen zu leiten?“ Solche Fragen werden nach einem längeren Leidensweg oft so bedrängend, dass sie unumgehbar sind. Der immense innere und äußere Erwartungsdruck hat die geistliche Lebensgestaltung erdrückt. Unter den Füßen ging der geistliche Grund verloren. Was trägt noch? Wie führe ich mich selbst? Und warum und wie eine solche Organisation?

Menschen im pastoralen Dienst sind beauftragt, in unterschiedlicher Weise geistlich zu leiten. Nicht nur Geistliche, doch nur geistlich lebende Menschen leiten geistlich. So unterschiedlich die Handlungsfelder auch sein mögen. In den derzeitigen, kirchlichen Veränderungsprozessen sind strategische Leitung und inhaltliche Richtungsentscheidung wichtig. Und geistliche Leitung? Ehrfurcht und Spürsinn für die unverfügbare Gegenwart Gottes in seinem Volk und im eigenen Leben? 

Der Pastoralpsychologe Christoph Jacobs ist überzeugt: „Führungsspiritualität ist ebenso wichtig wie Führungskompetenz.“1 Führungsspiritualität aber beginnt bei der eigenen Lebensführung. Wie soll ich andere leiten, wenn ich mich selbst nicht (mehr) zu leiten verstehe? Wie soll ich mit anderen kleinere oder größere Räume geistlich gestalten, wenn die persönliche, geistliche Lebensgestaltung höchstens noch formal, also geistlos „funktioniert“?

 

Führungsspiritualität beginnt im eigenen Leben

Wie führe ich mein Leben? Genau hier (und nicht bei anderen) ist der erste kleine, doch entscheidende Hebel zur Veränderung anzusetzen. Mit vergleichsweise großer Wirkung! Nur hier kann die Umkehr raus aus einem defensiven, leidenden Leiten ansetzen!

Ich erfahre es bei anderen wie bei mir selbst: Eine persönliche, wenn auch noch so bescheidene, aber treu gelebte geistliche Praxis wirkt. Sie läutert und klärt, relativiert und entlastet und bündelt die Kräfte in dem, was jetzt zu tun oder zu lassen ist. Ich übernehme für mein geistliches Leben die Verantwortung – wer sonst? Ich nehme für mich selbst die Leitung wahr – wer sonst?
Als Papst Franziskus die Leitung der Weltkirche anvertraut wurde, was tat er da? Er betete. Schweigend. Sich ausrichtend auf die göttliche Gegenwart. Mit den Menschen auf dem Petersplatz und anderntags in Santa Maria Maggiore, an deren Altar Ignatius von Loyola, sein Ordensvater, vor etwa 500 Jahren seine Primiz feierte. Diese wichtigste Führungskraft der katholischen Kirche stürzte sich also nicht zuerst in die anstehenden Aktivitäten. So geht geistlich Leiten. Der Topmanager Chris Lowney ist überzeugt: „In diesen Minuten, die er im Gebet verbrachte, tat Papst Franziskus etwas ungeheuer Wertvolles: Natürlich betete er, aber indem er betete, erinnerte er sich an seinen Auftrag und die Werte, die er verkörpern muss. Er entrümpelte seinen Geist, um sich wieder auf die Prioritäten zu konzentrieren, befreite sich von reiner Geschäftigkeit, um neue Energie zu tanken, und rückte seinen Blickwinkel zurecht, indem er anerkannte, dass er die Welt ziemlich sicher nicht unter Kontrolle hat.“2 Offensichtlich überzeugt kirchliche Leitung erst, wenn sie geistlich gelebt wird!

„Wow, der scheint sich ja wirklich wohl zu fühlen in seiner Haut!“ So war manch überraschte Reaktion auf den Leitungsstil des Papstes3. Kein Sich-Verbergen und Sich-Schützen hinter scheinbar würdigem, formalem Gestus, sondern natürliche, ansteckende Lebendigkeit. Und das im höchsten Leitungsamt einer mit Sorgen belasteten Kirche. Da kann einer sich frei bewegen und freimütig reden! Wohl weil er existenziell gut gegründet ist. Ganz im Amt ganz er selbst. In Respekt vor dem Gottesvolk und in Selbsthingabe will er eine Kirche und deren Leitungsverantwortliche aufwecken. Denn sie erscheint vielen selbstgefällig oder selbstmitleidig und darum kraft- und geistlos. In dieser Stimmungslandschaft in der „Freude des Evangeliums“ Leitung übernehmen – wie kann das gehen?

 

Berufen, andere geistlich anzuleiten?

Christoph Jacobs betont in seinen „Skizzen zu einer Führungsspiritualität“: „Führung ohne ein Berufungskonzept ist `Selbstermächtigung´, verbleibt im Machen, laugt aus. Führung ohne Berufung führt nicht im Sinne des biblischen Gottes.“4 Seit biblischen Tagen geschieht geistliche Führung durch Berufung, nicht durch Selbsternennung. „Das biblische Führertum (bedeutet) immer ein Geführtsein. Diese Menschen sind insofern Führer, als sie sich führen lassen.“5 Da braucht es vorrangig zur Aktivität Räume der Passivität, des Empfangens, des Sich-Anvertrauens. Dies in einer geistlichen Alltagsgestaltung zu realisieren gehört wesentlich zur Leitungsverantwortung. „Nur vom Verwandelten können Verwandlungen ausgehen.“6

Freimütig und unverzagt besteht Papst Franziskus in der Linie des 2. Vatikanischen Konzils auf der ältesten Tradition: „In dieser Kirche befindet sich der Gipfel wie bei einer auf den Kopf gestellten Pyramide unterhalb der Basis. Darum werden diejenigen, welche die Autorität ausüben, „ministri - Diener“ genannt, denn im ursprünglichen Sinn des Wortes „minister“ sind sie die Kleinsten von allen. Vergessen wir das nie! Für die Jünger Jesu ist gestern, heute und immer die einzige Autorität die Autorität des Dienstes“.7
„Darum wird er (der Bischof, aber auch jeder, der geistlich leitet, der Verf.) sich bisweilen an die Spitze stellen, um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrecht zu erhalten, andere Male wird er einfach inmitten aller sein mit seiner schlichten und barmherzigen Nähe, und bei einigen Gelegenheiten wird er hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, und – vor allem – weil die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt, um neue Wege zu finden.“8

 

Gottes stille, starke Führung -suchen

Gott beruft offensichtlich nicht die stark und machtbewusst Auftretenden, die sich naturgemäß doch leichter durchsetzen könnten. Naturgemäß eben, aber darum nicht schon Gott gemäß. Von Abel über Jakob, Josef, Mose, David bis zu den Propheten beruft Gott Menschen, die zu ihrer Schwachheit stehen. Jene, die sich nicht selbst profilieren und in Szene setzen. Denn „Gedanken und Gelegenheiten der Ehrsucht“ sind „die Pest für derartige Ämter“.9

Ich gebe mich mit meiner ganzen Person in meinen Auftrag, meine Aufgabe hinein – aber meine Person ist nicht dasselbe wie das Amt, die Rolle, die Funktion. Ich bedarf der Einkehr und Einsamkeit, um hier zu unterscheiden, ohne zu trennen. Sonst verwechselt sich leicht meine kleine Person mit der Größe der Aufgabe und wird überheblich. Darum ist die Einkehr in den eigenen Grund Dienstpflicht. Denn als jemand, der andere führt, muss ich mich zuerst selbst als Geführten erfahren. Als einer, der Einzelne oder eine Gemeinschaft begleitet und leitet, habe ich mich selbst zuerst von Gott begleiten und leiten zu lassen.
Selbst bei einer so starken Führungspersönlichkeit wie Mose, der Israel durch seinen immensen Einsatz in die Freiheit führte, besteht die Hl. Schrift  darauf: Gott hat in die Freiheit geführt, nicht Mose! „So rettete der Herr an jenem Tag Israel aus der Hand der Ägypter.“ Und Mose sang mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied: „Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden“ (Ex 14,30; 15,2). „Mose jedenfalls geht, indem er führt, unbefangen und unerschrocken einem Führer nach. Seinem Führer nachgehend, kommt Mose ans Ufer… und die Scharen folgen ihm, der Gott folgt. Da geschieht, was geschieht, und es geschieht als Wunder. Nicht darauf kommt es an, ob Ungewöhnliches oder Gewöhnliches geschehen ist, sondern einzig darauf, dass das, was geschah, als Handeln Gottes erfahren worden ist, während es geschah. Das Volk sah … und glaubte …“10 Die Menschen merkten auf, weil sie erfuhren, nicht Mose sondern: „Der Herr zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes, und die Feuersäule nicht bei Nacht“ (Ex 13,21f).

Doch die Hochstimmung verfliegt. Es kommt zum Konflikt mit der Leitung, diesem „sonderbaren Mose“: „Er sagte zwar, der Mann, dass der Gott ihnen vorangehe, und dass er das durch diese oder jene Zeichen kundgebe; aber das unumstößlich Tatsächliche war es ja doch, dass man ihn nicht sehen konnte, und wen man nicht sieht, dem kann man eben auch nicht folgen. Man folgt eben doch nur dem Mann, und wie oft der unsicher ist, merkt man doch; da zieht er sich jeweils in sein Zelt zurück und brütet Stunden, ja Tage lang, bis er dann endlich herauskommt und sagt, so und so solle es geschehen. Was ist denn das für eine Führung? Und muss nicht etwas zwischen ihm und dem Gott nicht in Ordnung sein, wenn er den nicht vorzeigen kann? Er sagt zwar, der Gott sei nicht zu sehen, er sei wohl da, nur zu sehen sei er nicht – aber was soll das heißen? Einen Gott hat man eben, und dann kann man ihn natürlich auch sehen; man hat eben ein Bild, und die Gotteskraft ist in dem Bild. Man erzählt sich freilich, der Mann behaupte, dass man sich von dem Gott kein Bild machen dürfe; aber das ist doch offenbar widersinnig. Solang man kein richtiges Bild hat, wird man auch keine richtige Führung haben.“11

 

Geistliche Leitung im Team--Konflikt

Wenn auch die Bibel meist nur Mose nennt, – Mose steht nicht allein: „Ich habe Mose vor dir hergesandt und Aaron und Mirjam“ (Mi 6,4). Und wie in Pastoralteams heute bleibt der Konflikt nicht aus. Mirjam und Mose reden gegen Mose „wegen der kuschitischen Frau, die er sich genommen hatte“ (Num 12,1). Die Situation: Das an den Fleischtöpfen Ägyptens verwöhnte Volk ist zwar von entmündigenden Sicherheiten befreit, doch die ungewohnten Anforderungen des Unterwegsseins machen es matt und mürbe. Mose geht es ähnlich. Er ist dienstmüde, abgekämpft. Er schwächelt. Da erheben sich Mirjam, die musisch begabte, herzerfrischende Prophetin, und Aaron, der bessere Redner (Ex 4,14) und der Priester, der dem Kult ums Goldene Kalb nicht widerstand (Ex 32,21-25). Sie rebellieren gegen Mose, den Primus (inter pares?). Vermutlich rebellieren nicht nur zwei Individuen, sondern die Gruppe der Frauen, die Mirjam beim Exodus anführte, und die Priesterschaft, die qua Amt einen besonderen Zugang zu Gott für sich beansprucht. 

 In dieser angespannten Situation werfen Mirjam und Aaron Mose, dem Letztverantwortlichen im Leitungsteam, die Heirat der Kuschiterin vor. Diese hatte er allerdings geheiratet, lange bevor er zur Führungskraft wurde! Und hatte Mose nicht – weil ihm seine Volksgenossen in Ägypten misstrauten (Ex 2,13-14) – fliehen und in einem fremden Volk heiraten müssen? Hatte sich Gottes Führung nicht gerade durch Moses Ehe mit der „Ausländerin“ einen Weg gebahnt, um sein Volk Israel doch noch zu erreichen und zu befreien? Also worum geht es Mirjam und Aaron wirklich, wenn sie dem schwächelnden Mose diese altbekannte Geschichte vorwerfen? Dann kommt´s: „Hat etwa der Herr nur mit Mose gesprochen? Hat er nicht auch mit uns gesprochen“ (Num 12,2)? Gewiss! Hat Mose das je infrage gestellt? Hatten sie sich nicht in unterschiedlicher Weise gemeinsam für das Volk eingesetzt? Was steckt hinter dem Wunsch nach unterschiedsloser Gleichstellung? Neid? Pastorale Teamplayer sind nie gleich, sondern zum Glück sehr verschieden begabt und beauftragt. Doch sie sind gleich-wertig. (So die Theologie – und die Realität?)

Gott ist noch in Scheitern und Sünde nahe: „Das hörte der Herr“ (12,2). Und der von seinen Teamkollegen Angegriffene? „Mose aber war ein sehr demütiger Mann, demütiger als alle …“ (12,3). Er geht nicht in die Beleidigung, in die Kränkung hinein. Er ist gut in sich und seiner Leitungsverantwortung gegründet, weil er in Gott gegründet ist. Gott selbst bezeugt dies: „Mein ganzes Haus ist ihm anvertraut. Mit ihm rede ich von Mund zu Mund, von Angesicht zu Angesicht“ (12,7-8). Als Führer und Teamplayer muss Mose noch einmal tiefer gegründet und gefestigt sein – in einer einsamen Intimität mit dem verborgenen, geheimnisvollen Gott. Von dort her wird alles Umgehen mit den Menschen ein Umgehen mit Gott. Wie ich mit den Menschen in meinem Team umgehe, so gehe ich in Wahrheit mit Gott um! 

Ein starkes Beispiel für geistliche Führungsqualität gibt Papst Franziskus. „Fühlen Sie sich von den Angriffen aus dem Vatikan gegen Sie getroffen?“ wurde er gefragt. „Nein. Ich will ehrlich sein: Seit ich zum Papst gewählt wurde, habe ich meinen Frieden nicht verloren. Ich kann verstehen, wenn meine Art, die Dinge anzugehen, manchen nicht gefällt, das ist völlig in Ordnung. Jeder darf seine Meinung haben. Das ist legitim und menschlich und bereichert.“12 Gottverbundenheit bewährt sich im (betenden) Bewältigen von Konflikten.

Nicht nur in Konflikten, auch im täglichen Entscheidungsdruck sind Leitungsverantwortliche häufig in eine letzte Einsamkeit katapultiert. Auch wenn bei schwierigen Entscheidungen eine fachliche, z.B. rechtliche, finanzielle oder psychologische Beratung und eine geistliche Begleitung zur Unterscheidung der Geister „in das Ganze eingewoben“13 sind, bleibt am Ende oft doch die einsam zu verantwortende Entscheidung. Bewusst angenommene und geistlich gestaltete Einsamkeit gehört von daher zur Voraussetzung geistlicher Leitung. Je größer die Verantwortung, offensichtlich um so mehr! Mir scheint, diese notwendige, betende Einsamkeit wird heute wenig gewürdigt und gelebt. Wirkt deshalb geistliche Leitung oft angepasst kraftlos bzw. beziehungslos selbstherrlich?

Die Bibel jedenfalls gibt ausführlich Zeugnis davon, wie geistlich Leitende von Abraham über Mose bis zu Jesus und Paulus des geschützten Rückzugs bedurften, des einsamen Zusammenseins mit dem vorausgehenden Gott. „Führungskräfte tauchen ein in die Herausforderungen und das Chaos der alltäglichen Welt, aber sie ziehen sich auch jeden Tag von dieser Welt zurück. In dieser Hinsicht ist gute Führung ebenso spirituell wie weltzugewandt.“14  

 

Auf Gott angewiesen

Zur geistlichen Leitung Berufene sind existenziell angewiesen auf Gott. Zum Hören sind sie berufen: „Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger“ (Jes 50,4). Nicht strategisches Kalkül oder psychologische Raffinesse sind da leitend, sondern ein betendes Hören auf die lautlose Führung durch Gottes Geist. Wer hört, schweigt. Er schweigt und lauscht der anderen Art Gottes, die Dinge zu sehen und anzugehen. Darum  unterbricht er in treuer Regelmäßigkeit sich selbst. Wenigstens morgens vor Beginn und abends nach Beendigung seines Dienstes. Denn er ist sich bewusst: meine Gedanken sind nicht schon ungeprüft Gottes Gedanken, und meine Wege sind nicht selbstverständlich Gottes Wege (Jes 55,8). Selbstbewusste Selbstrelativierung ist unverzichtbar. Sie widersteht dem Dämon der Selbstüberforderung. Gott will nie zuviel von mir – Er will mich nur ganz!

Gottes Gedanken und Wege sind oft schmerzhaft anders, aber noch viel öfter angenehm anders als meine Vorstellungen. Für Ignatius ist eine unverzichtbare Eigenschaft des geistlich Leitenden: „dass er sehr mit Gott unserm Herrn verbunden und mit ihm im Gebet und in allen seinen Handlungen vertraut ist“.15 Bei besonders schwierigen Fragen und Entscheidungen habe ich noch genauer hinzusehen, mich noch ausführlicher zu beraten und noch intensiver als sonst zu beten.

 

Aufmerksam für die Anderen

Ob ich für die je andere Weise Gottes aufmerksam bin, bewahrheitet sich in der Aufmerksamkeit für die so anderen Anderen. „Anders Denkende und Empfindende nicht zu verachten oder sie ideologisch abzuwerten, sondern sie zu respektieren und wertzuschätzen, auf sie zu hören mit der geduldigen Bereitschaft zum gegenseitigen Lernen ist in Zeiten der superschnellen Kommunikation und der schnellen und ständigen Erregung ein bleibendes Lernfeld.“16 Wie leicht kann ich bei der Überfülle an unterschiedlichen Interessen, Typen und Tempi die Geduld verlieren und Entscheidungen herrisch durchsetzen wollen! Ignatius sieht hierin die zweite, unverzichtbare Eigenschaft des Leitenden: „die Liebe zu allen Nächsten und die wahre Demut“. Dazu gehört realistischerweise „die Großmut, um die Schwächen vieler zu ertragen und um große Dinge im Dienst für Gott unseren Herrn zu beginnen und in ihnen zu verharren, wann es angebracht ist, ohne bei den Widerständen den Mut zu verlieren – selbst wenn sie von großen und mächtigen Personen ausgingen“.17 Geistlich Leiten ist mutig dienen, geduldig an der Realität entlang beraten, beten und entscheiden. Wer führt, braucht also Macht, dienende Macht. Er muss widerstrebende Kräfte, die es bei vielen Entscheidungen gibt, in das größere Ganze einbinden. Die gemeinsame Arbeit im Reich Gottes geht nie ohne Widerstände. Leitung bleibt Leitung, auch wenn Verantwortliche diese nicht ergreifen. Doch wer leitet dann? Der Dämon der Angst? Der Verwirrung? Der Mutlosigkeit? Mutlosigkeit ist nie vom Geist Gottes.

 

Aufmerksam für das Eigene

Kein Luxus, sondern ebenso notwendig wie das Achten der Anderen ist nach Ignatius die Aufmerksamkeit für die eigenen „leiblichen Kräfte, die die Aufgabe erfordert, um in ihr sein Amt zu Verherrlichung Gottes unseres Herrn ausführen zu können“18. Der Leitende achte „auf die Behandlung seines Leibes, dass er nicht in Mühen und zu großer Härte zu sehr das Maß überschreite“. Gleiches gilt für die Achtung der eigenen seelischen Kräfte. Ein geistlich Leitender sollte „jemanden haben, der verpflichtet ist, … ihn mit der geschuldeten Bescheidenheit und Demut auf das hinzuweisen, wovon er meinte, es würde bei ihm zu größerem Dienst und größerer Verherrlichung Gottes gereichen; sei es ein Beichtvater oder jemand anders, … wie es für diesen Zweck angebracht zu sein scheint“19. Psychologische und geistliche Begleitung sind also ratsam – nicht erst, wenn der Zusammenbruch droht. 

 

Sündenfreie Leitung?

Wer in diesem Sinne seiner selbst bewusst leitet, kennt die Schwachstellen der eigenen Person: die Neigung zum Laissez-faire, zur Ungeduld oder zum Bevormunden, zu lange zuzuhören oder zu viel zu reden etc.  Wer verantwortlich leitet, begegnet der Versuchung, die Leitung zu missbrauchen: z.B. zur Selbstdarstellung oder zur Durchsetzung eigener Interessen. Beständig hat er sich die Frage zu stellen: Um wen geht es mir? Um das Reich Gottes? Um mich selbst? Für oder gegen diese und jene Personen? Ohne beständige Gewissenserforschung zu leiten ist unverantwortlich. Auch dazu bedarf es des einsamen Rückzugs. Denn im Gemenge des Tages fehlt die Distanz für den weiteren, tieferen Blick. Auseinandersetzungen, Verwicklungen, Übertragungen, Vorurteile und Kurzschlussreaktionen sind an der Tagesordnung. Ignatius zielt an: „von Leidenschaften frei sein, damit sie nicht innerlich das Urteil der Vernunft stören“20. Wem der zeitweise Rückzug in die Einsamkeit fehlt, der wird leicht seine eigenen Interessen durchsetzen wollen. Doch Leitung ist für andere da! „Jeder bedenke“, rät Ignatius, „dass er in allen geistlichen Dingen soviel Nutzen haben wird, als er aus seiner Eigenliebe, seinem Eigenwillen und Eigeninteresse herausginge.“21 Genau hier setzte schon bei Jesus der Versucher an! Um ihm „Auge in Auge“ zu begegnen und zu widerstehen, zog auch er sich für eine gewisse Zeit zurück. 

In der ersten Woche der 30tägigen ignatianischen Exerzitien sind die Gewissenserforschung und die Selbsterkenntnis als Sünder zentral. Sowohl die gemeinsame Gewissenserforschung mit der römischen Kurie (am 22.12.2014) wie auch das persönliche Bekenntnis des Papstes, ein Sünder zu sein, riefen erstaunliche Aufmerksamkeit, ja Aufregung hervor. Ist der im Lichte Gottes kritisch prüfende Blick auf sich selbst in geistlicher Leitung wie auf die anvertraute Gemeinschaft so aus der Übung gekommen? Was oberflächlich von allen bejaht wird (ein Sünder zu sein), ist das kirchlichen Leitungsverantwortlichen als existenzielle Erfahrung fremd? Freundliche, dienende Kritik (zuerst sich selbst gegenüber) gehört doch unverzichtbar zur Leitung! Leitung ist keine sündenfreie Zone. Im Gegenteil. Und wer als Führungsperson seine Versuchungen und Sünden ausblendet oder abspaltet, wird sich erst recht an sich selbst und an anderen versündigen.

Die „Seelsorgestudie“ von 2015 gibt diesbezüglich Anlass zur Sorge: „52 Prozent der Priester gehen (nur) jährlich (oder seltener) zur Beichte; dies gilt entsprechend für 78 Prozent der Diakone, 92 Prozent der Gemeindereferenten und 87 Prozent der Pastoralreferenten.“22

Papst Franziskus sieht die geistlich Leitenden viel stärker herausgefordert: Die das Gottesvolk Führenden „waren Menschen, die Raum für den Zweifel ließen. Vor Gott bleibt nichts anderes als die Demut, und wer ein Führer im Volk Gottes sein möchte, muss Gott Raum gewähren; sich demzufolge klein machen, sich in sich selbst an den Zweifel schmiegen, an die inneren Erfahrungen der Dunkelheit, des Nicht-Weiterwissens. All dies wird ihn schließlich reinigen. Der schlechte Führer ist der Selbstsichere, der Halsstarrige. Eine seiner Eigenschaften ist es, aufgrund seiner Selbstsicherheit übermäßig präskriptiv (vorschreibend) zu sein. Nach einer Prüfung sieht man die Dinge mit anderen Augen, macht Fortschritte im Verständnis. Die Demut garantiert dafür, dass der Herr anwesend ist. Wenn jemand selbstzufrieden ist, wenn er sämtliche Antworten auf sämtliche Fragen hat, ist das ein Beweis dafür, dass Gott nicht mit ihm ist. Die Überheblichkeit ist ein auffälliges Kennzeichen in allen falschen Propheten, in den fehlgeleiteten geistlichen Führern, die das Religiöse für ihr eigenes Ego benutzen.“23

Erkennen und Bekennen befreit. Beherzt eingestandene Schwäche relativiert sich, verbindet sich, weitet das Herz, lässt bei aller Verantwortung fehlerfreundlich und heiter sein. Mit Hanns Dieter Hüsch gesprochen:

 

„Im übrigen meine ich
Möge uns der Herr weiterhin
Zu den Brunnen des Erbarmens führen
Zu den Gärten der Geduld
Und uns mit Großzügigkeitsgirlanden
Schmücken
Er möge uns weiterhin lehren
Das Kreuz als Krone zu tragen
Und darin nicht unsicher zu werden
Soll doch seine Liebe unsere Liebe sein
Er möge wie es auskommt in unser Herz eindringen
Um uns mit seinen Gedankengängen
Zu erfrischen
Uns auf Wege zu führen
Die wir bisher nicht betreten haben
Aus Angst und Unwissenheit darüber
Dass der Herr uns nämlich aufrechten Ganges
Fröhlich sehen will
Weil wir es dürfen
Und nicht nur dürfen sondern auch müssen
Wir müssen endlich damit anfangen
Das Zaghafte und Unterwürfige abzuschütteln
Denn wir sind Kinder Gottes: Gottes Kinder!
Und jeder soll es sehen oder ganz erstaunt sein
Dass Gottes Kinder so leicht und fröhlich sein können
Und sagen: Donnerwetter …“ 

 

Anmerkungen:

Christoph Jacobs, Moses: Führen als Berufung, Skizzen zu einer Führungsspiritualität, in:
U. Meier and B. Sill (Hg), Führung. Macht. Sinn. Ethos und Ethik für Entscheider in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche. Regensburg 2010, 549-559.
Vgl. Chris Lowney, Franziskus – Führen und Enscheiden. Was wir vom Papst lernen können. Freiburg 2015, 110.
Ebd. 44.
Christoph Jacobs, ebd. 549-559.
Martin Buber, Biblisches Führertum, in: Werke 2. Bd. München 1964, 914.
Kierkegaard, zit. nach: Henri Boulad, Sturm und Sonne, Christus als Stein des Anstoßes in Europa. Salzburg-Wien 2010, 89.
Papst Franziskus, Ansprache bei der 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode, in: Arbeitshilfen Nr. 276, hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn 2015, 29.
Evangelii Gaudium 31.
Ignatius von Loyola, Gründungstexte der Gesellschaft Jesu, Deutsche Werkausgabe Bd. 2. Würzburg 1998, 798.
Martin Buber, Moses, in: Werke 2. Bd. München 1964, 89.
Ebd. 173f.
Papst Franziskus, „Ich kenne auch die leeren Momente“, in: DIE ZEIT vom 09.03.2017, 15.
Bischof Reinhold Stecher, Integrieren und motivieren, in: Herderkorrespondenz 10/1993, 513.
Chris Lowney 99.
Ignatius von Loyola, Gründungstexte 798.       
Stefan Kiechle, Grenzen überschreiten, Papst Franziskus und seine jesuitischen Wurzeln, Ignatianische Impulse Bd. 67. Würzburg 2015, 57.
Ignatius von Loyola, Gründungstexte 800.
Ebd. 801.
Ebd. 808.
Ebd. 799.
Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen. Würzburg 3. Aufl. 2003, 87.
Überraschend zufrieden bei knappen Ressourcen. Herderkorrespondenz 6/2015, 297.
Papst Franziskus, Über Himmel und Erde, München 2013, 47-49.
Nikolaus Schneider (Hg.), Hanns Dieter Hüsch, vergnügt, erlöst, befreit. Berlin 2016, 26.

 

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