Pastoralblatt für die Diözesen

Aachen, Berlin, Hildesheim,

Köln und Osnabrück

Februar 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

aufgrund der Redaktionsprozesse gelingt es nicht immer, relativ zeitnah zu einem aktuell aufflammenden Thema einen grundlegenden Beitrag veröffentlichen zu können. Diesmal war es möglich. Sehr präzise beleuchtet PR Dr. Werner -Kleine, promovierter Neutestamentler und City-Seelsorger in Wuppertal, die Frage nach der richtigen Übersetzung der Versuchungs-Bitte im Vaterunser. Mindestens drei Fragekomplexe werden dabei berücksichtigt: Was heißt „hineinführen“, was bedeutet an dieser Stelle „Versuchung“ und welches Gottesbild wird vom griechischen Text selbst bzw. den Übersetzungsvorschlägen vermittelt?
Dr. Martin Pott, Referent für Pastoralentwicklung im GV Aachen und Geschäftsführer des synodalen Prozesses „Weggemeinschaft“ im Bistum Aachen, arbeitet aus dem theologischen Denken des vorvorletzten Aachener Bischofs Klaus Hemmerle dessen für heutige Pastoralentwicklung immer noch gültigen Grund-Orientierungen und Grund-Haltungen heraus.
Eine Auswertung des Kinder- und Jugendberichts der Landesregierung NRW im Blick auf die kirchliche Jugendarbeit bietet Prof. Dr. Patrik C. Höring, Referent für Ministrantenseelsorge und religiöse Jugendbildung in Köln sowie Ordinarius für Katechetik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Hochschule St. Augustin.
Partizipation ist ein Stichwort, das im Blick auf die stärker gestaltende Mitwirkung der Getauften und Gefirmten im Leben der Kirche viel gebraucht wird. Was seine Verwirklichung tatsächlich bedeutet, und zwar zunächst einmal von der Führungskultur her gedacht, entwickelt, unter anderem auf der Folie franziskanischer und benediktinischer Leitlinien, Prof. Dr. Armin Schneider, Ordinarius für Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz.
Von der Notwendigkeit des Fragens her angesichts der Nicht-Selbstverständlichkeit der gegebenen Antworten formuliert Rudolf Hubert, Caritas-Geschäftsführer in Schwerin, sein Plädoyer für eine Verkündigung und einen Dialog, die durch Fragen zum Staunen und darüber vielleicht zu dem führen, der uns staunen lässt.
Eine gute Vorbereitungszeit auf das staunen machende Fest schlechthin, Ostern, wünscht Ihnen

Ihr

Gunther Fleischer

Artikel des Monats

Werner Kleine

-„Und -führe uns nicht in -Versuchung“

Betrachtungen zur sechsten Bitte im Vaterunser1

Glatte Felsen und ebenmäßig-polierte Böden bieten weder Halt noch Orientierung. Profillos wie sie sind, kann man an ihnen zerschellen oder Hals- und Beinbruch erleiden; allein ein wirkliches Fortkommen, ein Aufsteigen, ein Fortschreiten ist nicht möglich. Freilich neigt der Mensch im Allgemeinen dazu, in seinem auf Harmonie und Dissonanzfreiheit ausgerichteten ästhetischen Empfinden jede Störung zu glätten. Davon ist nicht zuletzt auch die Gottesrede betroffen. Schnell ist dann die Rede vom lieben Gott zur Hand, der nur gut sein kann. Die Frage nach der Ursache von Leid und Tod oder nach dem Wesen dessen, was der Mensch subjektiv als Böse definiert, bleibt dann schnell auf der Strecke. Eine solche Glättung des Gottesbildes wirft allerdings neue Probleme und Fragen auf, Aporien, die theologisch scheinbar nicht aufzulösen sind. So fragt etwa die Redaktion der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ in der Ausgabe 26/2017 in einem Kommentar:

„Die theologisch nicht zu klärende Frage ist, wie Gott allmächtig sein kann angesichts der offensichtlich erkennbaren Realität des Bösen und Versucherischen - des Teufels.“2

Die namenlosen Autoren bzw. Autorinnen folgern schließlich:

„Ist Gott jedoch einer und als Einziger allmächtig, wie die jüdisch-christliche Tradition es sieht, kann es logischerweise keinen Widersacher geben. Dann aber wäre die ‚Versuchung’ doch wieder durch den Schöpfungsakt Gottes grundgelegt, Gott selber wäre also auch ‚Versucher’. Dies ist ein unlösbares Paradox, das selbst ein Vaterunser nicht entwirren kann.“3

Heilsames Stolpern

Es sind die felsigen Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen kann, die aber letztlich auch Halt und Sicherheit geben. Im evolutionären Code des Menschen sind Stoß- und Stolperkanten offenkundig so bedeutsam, dass selbst der moderne Mensch unwillkürlich aufmerkt auf das, was ihn dort aus dem Gleichgewicht dissonanzfreier Ästhetik gebracht hat. Das gilt nicht nur für die Welt der Dinge; es gilt vor allem auch für das Denken und Begreifen der Welt. Aus dem Tritt gebracht wird der Mensch genötigt, genauer hinzuschauen.

Dieses Phänomen betrifft insbesondere auch die Rede von Gott. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben vom ihm gelernt, diesen Gott vertrauensvoll „Abba“, Vater zu nennen. Er lehrt seine Jünger auch, wie sie zu diesem Vater beten sollen. Sie sollen eben nicht plappern wie die Heiden und selbstgemachten Idolen nachhängen. Das Neue Testament überliefert das Vater-Gebet-Jesu zweimal. Es findet sich in Lukas 11,2-4 und in Matthäus 6,9-13. Dieser synoptische Befund und das Fehlen des Gebetes im Markusevangelium deuten darauf hin, dass Matthäus und Lukas das Vaterunser der sogenannten Logienquelle entnommen haben. Beide Texte sind nicht deckungsgleich. Die lukanische Version ist kürzer als die matthäische. Während das Matthäusevangelium insgesamt sieben Bitten umfasst, fehlen im Vergleich dazu bei Lukas die dritte und die siebte Bitte, so dass sich folgende Versionen ergeben. Bei Matthäus heißt es:

Unser Vater in den Himmeln4,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf der Erde,
Gib uns heute das Brot, das wir brauchen!
Und erlass uns unsere Schulden,
wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben!
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern rette uns vor dem Bösen!
(Mt 6,9-13)

Demgegenüber lautet die lukanische Version:

Vater, geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen!
Und erlass uns unsere Sünden;
Denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.
Und führe uns nicht in Versuchung!
(Lk 11,2-4)

Gott – der Versucher?

Jenseits der berechtigten Frage, wie denn die Unterschiede zwischen Lukas und Matthäus zu erklären sind5, spricht einiges dafür, dass die kürzere Lukasfassung eher der jesuanischen Urfassung entsprechen dürfte6. In der kirchlichen Tradition hingegen, insbesondere in Liturgie und Katechese, vor allem aber im persönlichen Gebetsleben, ist die matthäische Langversion prägend geworden7, so dass hier im Folgenden vor allem mit dieser Version gearbeitet wird.

In beiden Versionen begegnet in der betonten Schlussstellung die Bitte

Und führe uns nicht in Versuchung (Mt 6,13/Lk 11,4).

Während bei Lukas diese Bitte dann auch den Schlussakzent darstellt, wird sie bei Matthäus durch den Zusatz

Sondern errette uns von dem Bösen (Mt 6,13)
weiter entfaltet.

Dadurch wird die Bitte, der Vater möge die Beterinnen und Beter nicht in Versuchung führen, besonders hervorgehoben. Sie können also gar nicht umhin, vor die Frage geführt zu werden, wie es denn sein kann, das Gott in Versuchung führt. Wer das Vaterunser betet, muss hier ins Stolpern geraten. Ist Gott letztlich ein Versucher?

Die Versuchung des exegetischen Hobels

Tatsächlich ist diese, nach matthäischer Zählung sechste Bitte anstößig. Zweifelsohne wird hier ein scheinbar unlösbares Paradox aufgebaut: Gott, ein Versucher! Das Bedürfnis, den steten Anstoß im Gebet zugunsten einer endlich frommen Andacht wegzuhobeln, liegt offen zutage. Bereits Anfang der 1990er Jahre wurde die Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Anliegen konfrontiert, auf eine Änderung der Übersetzung der sechsten Bitte im Vaterunser hinzuarbeiten8 – eine Tradition, die bis ins Urchristentum zurückreicht9. Vorgeschlagen wurden hier etwa Formulierungen wie „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ oder „Lass nicht zu, dass wir in Versuchung geraten“. Beide Varianten entlasten letztlich Gott, die Versuchung der Menschen aktiv zu bewirken, wie es die traditionelle Übersetzung des Vaterunser nahelegt. Das gleiche Unbehagen motiviert offenkundig auch die veränderte Fassung der sechsten Bitte des Vaterunser, die künftig in französischsprachigen Regionen gebetet wird, in denen es nun heißt: „Und lass uns nicht in Versuchung geraten“10.

All diese Versuche sind letztlich von dem Bestreben geprägt, einer vermeintlichen Verzerrung des biblischen Gottesbildes zu begegnen, die so gar nicht dem barmherzigen Gott entspricht, der auf gar keinen Fall die Ursache für das Böse sein kann. Letztlich aber erzeugt man mit diesem exegetischen Hobel eben jene Aporien, in denen die Kommentatoren der Redaktion von „Christ in der Gegenwart“ ein unlösbares Paradox sehen. Wird man damit aber überhaupt der Intention der sechsten Bitte gerecht? Wäre das Stolpern über eine vordergründig ungehörige Formulierung nicht eines genauen Hinsehens wert?

Stille Post auf Aramäisch

Sicher ist auch den französischen Übersetzern der altgriechische Urtext vertraut, der eine solche Übersetzung erst einmal nicht zulässt. Dazu später mehr. Deshalb muss man andere philologische Geschütze auffahren. Immer wieder wird darauf aufmerksam gemacht, dass das Aramäische die Muttersprache Jesu gewesen sei. Das ist kaum anzuzweifeln, hilft aber hier nicht wirklich weiter. Denn zum einen ist keine aramäische ipsissima vox des Vaterunsers überliefert. So wahrscheinlich die Aramäisch-Hypthese ist: Jesus könnte es durchaus auch auf hebräisch, lateinisch (der Sprache der römischen Besatzer) oder der hellenistischen Verkehrssprache Griechisch gebetet haben. Hinzu kommt, dass Rückübersetzungen nicht zwingend den originären Wortlaut herstellen, der dann zudem neu übersetzt wird. Eine solche Vorgehensweise folgt eher dem Spiel „Stille Post“ denn exegetisch verantwortbarem Bemühen um Verstehen.
Genau diesem Anliegen aber folgen offenkundig die französichen Übersetzer, die dann auch noch einen in der aramäischen Sprache vorfindbaren kausativen Verbalstamm in Anschlag bringen; Gott wäre dann der Versacher der erbetenen Handlung, die man übersetzen könnte: „Mache, dass wir nicht in Versuchung geraten.“ Nun macht aber der Münchner Neutestamentler Gerd Häfner darauf aufmerksam11, dass - selbst wenn Jesus bei dem Urgebet eben jenen Kausativstamm benutzt hätte, was an sich schon bloß hypothetisch ist - dieser auch übersetzt werden könnte „Mache nicht, dass wir geraten“, was der deutschen Übersetzung „Führe uns nicht ...“ doch schon wieder sehr nahe ist.
Man wird sich also nicht nur um der wissenschaftlichen Redlichkeit willen, von solcher Art exegetischer Umwege verabschieden müssen. Zu fragen wäre ja auch, warum die neutestamtenltichen Autoren unwidersprochen eben jene Worte setzen, die heute ohne jedwede textkritische Variante im griechischen Urtext stehen. Offenkundig entsprechen genau diese Worte dem, was Jesus gebetet hat.

Stolperkante

Es ist vor allem das Verb εἰσφέρειν, das zum Stolperstein wird. Es begegnet hier in der Form εἰσενέγκῃς, also der zweiten Person Aorist Konjunktiv. Die zweite Person zielt zweifelsohne auf den Vater als im Gebet angerufenen Adressaten der Bitten. Das Verb εἰσφέρειν an sich trägt aber die Bedeutung „hineintragen“, „hineinbringen“. Die wörtliche Übersetzung des Verbs lässt somit die gewohnte deutsche Übersetzung „und führe uns nicht in Versuchung“ sogar schon als Glättung erschein, denn wörtlich übersetzt würde die Bitte heißen:

Und trage uns nicht in die Versuchung hinein.

Wie aber passt das zu jenem von Barmherzigkeit und Sünderliebe geprägten Bild Gottes, auf das auch der Jakobusbrief rekurriert. Dort heißt es:

Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung (Jak 1,13).

Nichtsdestotrotz kommt man an der Formulierung des Vaterunser, in der Lukas und Matthäus wörtlich übereinstimmen und in der damit mit hoher Wahrscheinlichkeit die ipsissima vox, die ureigenste Stimme Jesu zu hören ist, nicht vorbei.

Die Jakobusvariante

Wer stolpert, sollte genau hinschauen. Bei solch einer näheren Betrachtung fällt auf, dass Jakobus im Unterschied zum Vaterunser tatsächlich von einer direkten Versuchung durch Gott – oder besser: der Ablehnung der Aussage, Gott würde aktiv versuchen – spricht, die im Vaterunser so eben nicht zur Sprache kommt. Jakobus verwendet nämlich das Verb πειράζειν. Niemand soll sagen, er würde (unmittelbar) von Gott versucht (vgl. Jak 1,13).

Demgegenüber verwendet das Vaterunser eine Umschreibung. Es geht hier nicht um den aktiven Vorgang des Versuchens bzw. Versuchtwerdens. Die Versuchung erscheint hier nicht als Verb wie bei Jakobus, sondern als Substantiv πειρασμός, das mithilfe der Präposition εἰς an ein sogenanntes Funktionsverb als Verbalnomen angeschlossen wird12. Das führt nach Marlies Gielen dazu, dass die Aussage an sich uneindeutiger wird, als es auf den ersten Blick den Anschein hat: „Wenngleich zwar das Funktionsverb ‚führen’ Gott als Subjekt des Handelns festschreibt, gibt das Verbalnomen ‚Versuchung’ keine verbindliche Auskunft über das Subjekt dieses Vorgangs. M.a.W. eine Identität zwischen dem, der in die Versuchung hineinführt, also mit ihr konfrontiert, und dem, der sie konkret ausübt, wird aufgrund der syntaktischen Unbestimmtheit des Verbalnomens nicht automatisch hergestellt. Ebenso gibt das Verbalnomen etwa keine Auskunft darüber, ob die Versuchung aktiv betrieben oder nur toleriert wird, ob sie bereits Realität ist oder noch erst eine Möglichkeit darstellt.“13

Im Unterschied zur Jakobusvariante, die Gott eindeutig als Urheber einer Versuchung ausschließt, ist in der 6. Vaterunser-Bitte die Frage, ob Gott Menschen versucht, an sich nicht zu beantworten.

Ein dritter Weg

Wo zwei Wege ungangbar erscheinen, muss ein dritter Weg gesucht werden. Gott als Versucher ist nicht nur mit Hinweis auf Jakobus 1,13 undenkbar. Die menschlicher Schaffens- und Vorstellungskraft entspringende Figur eines göttlichen Widersachers, der Gott von dieser Vorstellung entlastet, ebenso wenig, stellt sie doch die göttliche Allmacht in Frage. Gleichwohl bleibt die Formulierung der sechsten Bitte des Vaterunsers anstößig.

Möglicherweise führt der Weg eben nicht über die Frage des „Hineinführens“ oder „-tragens“ weiter, sondern über den Begriff der Versuchung. Ein Indiz, dass die Lösung in dieser Richtung zu suchen ist, ergibt sich ja schon aus der matthäischen Erweiterung Sondern erlöse und von dem Bösen (Mt 6,13).

Freilich stellt sich die Frage, ob hier „der“ Böse (Maskulinum) oder „das“ Böse (Neutrum) gemeint ist. Wie im Deutschen lässt auch der griechische Urtext die Antwort offen, weil es der mit der Präposition ἀπό verbundene Genitiv τοῦπονηροῦ ebenfalls Maskulinum oder Neutrum sein kann14. Die Beantwortung der Frage kann hier prinzipiell offenbleiben15; die Formulierung schafft in sich eine oszillierende Spannung, in der der Mensch sich befindet: Bewirkt der Böse das Böse oder gebiert das Böse den Bösen? Mit Blick auf die synoptische Tradition mag freilich ein gewisser Akzent auf der maskulinen Intention liegen, führt doch ein direkter Weg von der sechsten Bitte des Vaterunser zur Überlieferung der Versuchung Jesu (Mk 1,12-13parr):

Und sogleich trieb der Geist Jesus in die Wüste. Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm (Mk 1,12-13).

Der markinische Text entbehrt nicht einer gewissen Gewalttätigkeit: Jesus wird sofort hinausgetrieben. Es scheint ein innerer Zwang für den Wüstengang zu bestehen: Der Geist setzt Jesus dieser Erfahrung alternativlos aus. Die Versuchung durch Satan erscheint geradezu als logische Folge bzw. Zweck der Hinaustreibung. Jesus muss diese Erfahrung machen. Er kommt nicht darum herum. Gott führt also in Versuchung.

Gelöst: Das ist Versuchung

Genau dieser Aspekt kommt bei Matthäus noch deutlicher zum Vorschein:

Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden (Mt 4,1; Übersetzung WK).16

Jesus soll mit der Versuchung durch den Teufel konfrontiert werden. Er soll ihr gerade nicht aus dem Weg gehen. Aber welchem Zweck dient diese Erfahrung?

Im Unterschied zur äußerst lakonischen, ja spartanischen Erzählweise des Markus entspinnt sich bei Matthäus ein Gespräch zwischen dem Versucher und dem versuchten Jesus (vgl. Mt 4,2-11)

In der Quintessenz des dreiteiligen Gespräches besteht Jesus die Versuchung. Die Versuchung erweist sich als Bewährungsprobe, indem er sich an die Schrift hält und dem Wort Gottes in seiner Ganzheit unterwirft. In diesem ungeteilten und unteilbaren Wort Gottes wird der Wille des Vaters sichtbar. Die Versuchung besteht aus dieser Perspektive darin, sich angesichts der Herausforderungen von Zeit und Welt nicht am Wort Gottes zu orientieren, sondern selbstermächtigt den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu folgen. 

Bleibende Versuchung – selbst für Jesus, vor allem aber für die Jünger

Wie sehr der Mensch immer wieder neu vor diese existentielle Versuchung geführt wird, zeigt die Gethsemane-Szene (Mk 14,32-42parr). In der Überlieferung des Matthäus betet Jesus dort:

Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst ( Mt 26,39).

Die inhaltliche Nähe zur Vaterunser-Bitte, dass der Wille des Vaters im Himmel wie auf Erden geschehen solle, ist unverkennbar. Zu den Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes, die mit ihm wachen und beten sollten und die doch eingeschlafen sind, spricht Jesus hingegen:

Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung (εἰς πειρασμόν) hineingeht (εἰσέλθητε) (Mt 26,41; Übersetzung WK).

Jesus bleibt auch in dieser letzten Versuchung standhaft, während ihr die Jünger erliegen. Das ist der große Unterschied zwischen dem Sohn Gottes und seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern. Marlies Gielen stellt deshalb zurecht fest:

„Weil aber ihr Heil auf dem Spiel steht, darum lehrt sie der mt  Jesus zu beten: ‚Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen’ (Mt 6,13).“17

Versuchung als Bewährung - Scheitern nicht ausgeschlossen

In der Dramaturgie des Matthäusevangeliums erscheinen die Versuchung Jesu durch den Teufel in der Wüste als Prototyp des Versuchtwerdens und die Getsemani-Szene als Nagelprobe. Beide Szenen liefern das Interpretament für die sechste Vaterunser-Bitte. Die Versuchung erscheint als Bewährungsprobe, in der der Versuchte sich als Gerechter und Glaubender erweisen soll. Ähnlich betet ja auch der Psalmist in Psalm 25,2 (Septuaginta – Ps 26,2 geläufige Zählung):

Erprobe mich, Herr, und versuche mich, ein Feuer meinen Nieren und meinem Herz (Ps 25,2 LXX; Übersetzung WK).

Auch in der schon zitierten Jakobusepistel, die die Aussage, Gott sei ein Versucher, mit Verve zurückweist, wird gleichwohl fast schon ein Lob auf die Versuchung/Erprobung gesungen, wenn es direkt zu Beginn des Textes heißt

Nehmt es voll Freude auf, meine Brüder und Schwestern, wenn ihr in mancherlei Versuchungen (πειρασμοῖς) geratet! Ihr wisst, dass die Prüfung eures Glaubens Geduld bewirkt. Die Geduld aber soll zu einem vollkommenen Werk führen, damit ihr vollkommen und untadelig seid und es euch an nichts fehlt (Jak 1,2-4).

In dieser Perspektive erscheint die Versuchung gar als Mittel Gottes, die Seinen zu erforschen. Ijob etwa ist dann ebenso ein Prototyp des von Gott Erprobten wie Abraham bei der Bindung Isaaks. Die Versuchung erweist sich damit als eine Erprobung, die vor allem der Bewährung und Reifung dient.

 Die Verantwortung der Beter

Hier wird deutlich, dass Versuchung mehr mit Versuch als mit Verführung zu tun hat. Der πειρασμός begründet einen Versuch, dem der Irrtum folgen kann. Anders als bei dem üblichen „Versuch-Irrtum“-Schema geht es hier freilich um grundlegend existentielle Fragen. Der Irrtum kann fatal sein, schicksalsbegründend. Er kann in das Scheitern führen.

Nun zeigt gerade das Beispiel der Jünger Jesu, dass selbst bei vergleichsweise kleinen Bewährungsproben ein Scheitern nicht ausgeschlossen ist. Genau hieraus ergibt sich der tiefere Sinn der sechsten Bitte des Vaterunser: Angesichts der menschlichen Schwachheit und der existentiellen Potenz des Scheiternkönnens rufen die Beter Gott als Vater um Beistand an. Es geht in dieser Perspektive darum, nicht in der Situation der Versuchung zu verbleiben, die in der Intention der Versuchung Jesu ja letztlich ein Handeln gegen den Willen Gottes bedeuten würde. Umgekehrt schärft gerade die Schlussstellung der sechsten Bitte das Bewusstsein der Beter. Sie bleibt gewissermaßen im Denken hängen. Richtig verstanden wird sie damit zur Mahnung, sich am Vorbild Jesu zu orientieren, der der Versuchung gerade dadurch widersteht, dass er sich am Wort Gottes und dem dort dokumentierten Willen des Vaters orientiert. Die Bitte, nicht in Versuchung hineingeführt zu werden, korrespondiert daher mit der Bitte, dass allein der Wille des Vaters im Himmel wie auf Erden geschehen solle. Diese Korrespondenz macht aber eben auch deutlich, dass es bei der Verwirklichung des Willens des Vaters zuvorderst auch um die Bereitschaft der Beterinnen und Beter geht, diesen Willen eben nicht zu ignorieren, sondern zu tun – vor allem und gerade dann, wenn die Lage wie im Garten Gethsemane aussichtslos erscheint.

In der Ferne

Ist die sechste Bitte im Vaterunser ein unlösbares Pradox, wie die Redaktion von „Christ in der Gegenwart“ vermutet? Mitnichten. Auch hier darf man eben nicht der Versuchung erliegen, nicht genau in das Wort Gottes zu schauen. Die Gefahr, sich einen Gott nach seinen eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zurecht zu schaffen, ist nicht nur sehr groß; wer ihr erliegt, bringt sich auch um den wahren Schatz, den das Vaterunser gerade in der sechsten Bitte in sich trägt.

Tatsächlich aber erweist sich auch die sechste Bitte des Vaterunser als Bitte voller Vertrauen, Gott möge vor den Proben des Lebens bewahren, die geeignet sind, in die Gottferne zu geraten. Vielleicht hat die sechste Bitte des Vaterunser gerade in der existentiellen Erfahrung der Versuchung Jesu ihren tiefsten Grund. Er hat die existentielle Härte der göttlichen Erprobung und die in ihr liegenden fatalen Gefahren des Scheiterns erfahren – und lehrt gerade deshalb in seinem Gebet die Bitte, nicht in diese Versuchung geführt zu werden. Von hierher ist die Bitte in sich verständlich, vor den Prüfungen des Lebens bewahrt zu bleiben, ebenso, wie vor Hunger verschont zu werden, ebenso wie Versöhnung in Schuld zu erlangen. Wenn die Prüfungen aber kommen, dann können, nein: dann sollen sie als Chancen begriffen werden, im Glauben zu reifen. Wer so an des Lebens Prüfungen herangeht, mag vor der Versuchung nicht gefeit sein; auch Jesus wird sie im Garten Getsemane wieder erleben, wenn er darum bittet, der Kelch des Todes möge an ihm vorübergehen, sich dann aber doch dem Willen des Vaters ergibt. Aber gerade hier wird nicht nur deutlich, dass die geduldig ertragene Prüfung heilbringend sein kann; Gott ist auch der, der selbst des Menschen Leben mit allem, was dazu gehört, kennt:

Da wir nun einen erhabenen Hohepriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten. Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unseren Schwächen, sondern einen, der in allem wie wir versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat. Lasst uns also voll Zuversicht hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit (Hebr 4,14-16)!

Die Versuchung, von der im Vaterunser die Rede ist, lauert vor allem in den Erfahrungen des Lebens, in denen Gott ferne scheint. Das können sowohl die Hochzeiten eines Lebens sein, in denen man Gott nicht braucht, aber auch die Tiefen, in denen man mit Gott hadert. Die größte aller Versuchungen ist, Gott in die Ferne zu rücken und so selbst gottfern zu werden. Dass das ferne sei, dafür beten Christinnen und Christen in der sechsten Bitte des Vaterunser. Weil aber die Gefahr des Scheiterns nie ausgeschlossen werden kann, bleibt die beste aller Formulierungen immer noch:

Und führe uns nicht in Versuchung!

Versuchung – Erprobung – Prüfung – all das ist nicht nur möglich, sondern zur Reifung auch im Glauben sogar notwendig. Freilich impliziert sie auch das Scheitern. Sich hier vertrauensvoll an Gott zu wenden, nicht in Versuchung geführt zu werden, ist menschlich – ebenso wie die Bitte um das benötigte tägliche Brot. Aber sie entbindet den Menschen eben nicht von seiner Verantwortung, denn über allem und vor allem steht Gott: Sein Name werde geheiligt und sein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Achtet Gott nicht zu gering, ihr Beterinnen und Beter! Stellt euch nicht über sein Wort! Lasst euch von ihm herausfordern, auch wenn die Versuchung groß ist, es sich einfach zu machen! Der Durcheinanderbringer aber mag es halt bequem. Immer wieder gibt es diesen Prüfauftrag: Lasst nicht von diesem Gott, der von allem Bösen befreit. Er allein gibt Halt. Dann steht ihr auf festem Grund! Diese Prüfung sollte zu bestehen sein. Man sollte nur nicht in ihr hängenbleiben … davor bewahre uns Gott!

Anmerkungen:

Dieser Beitrag ist eine leicht veränderte und ergänzte Fassung des gleichnamigen Textes im biblischen Weblog „Dei Verbum“ (Quelle: http://www.dei-verbum.de/gestolpert-hinschauen/ [Stand: 17.12.2017].
CIG-Redaktion, Kommentar: Die Versuchung, Ausgabe 26/2017, Quelle: http://www.christ-in-der-gegen-wart.de/aktuell/artikel_angebote_detail?k_beitrag=4828142&campaign=facebook/cig [Stand: 25.7.2017]
Ebd.
Die Singular-Lesart ἐν τῷ οὐρανῷ findet sich nur in der Didache; textkritisch ist daher die plurale Lesart ἐν τοῖς οὐρανοῖς zu bevorzugen. Im Unterschied zur lukanischen Variante, die den lokalen Hinweis auf den/die Himmel als göttliche Sphäre gänzlich auslässt, ist die matthäische Rede damit von einer jüdischen Diktion geprägt.
Vgl. hierzu etwas J. Jeremias, Das Vaterunser im Lichte der neueren Forschung, in: ders. Abba. Studien zur neutestamentlichen Theologie und Zeitschichte. Göttingen 1966, S. 152-171, insbesondere S. 157-159.
Hierfür spricht unter anderem die textkritische Regel der lectio brevior, nach der eine kürzere Lesart die wahrscheinlich ursprüngliche ist; es gibt bei der Überlieferung gerade sakral intendierter Texte eher eine Tendenz zur erklärenden Ausweitung als eine Tendenz zur Kürzung. Siehe hierzu aber auch J. Jeremias, a.a.O., insbesondere S. 157-159.
Das im Deutschen vertraute Vaterunser bildet dabei eine gewisse Harmonisierung der beiden Versionen, wenn etwa aus der Bitte um das „heutige Brot“ bei Matthäus und dem „täglichen Brot“ bei Lukas die Formulierung „unser tägliches Brot gib uns heute“ wird. In anderen Sprachen, etwa dem Arabischen اَّبَنَا الّذِي فِي السَّمَاتِ (gesprochen: abana lathi fi ssamauati) steht die Orientierung am matthäischen Vaterunser wesentlich stärker im Vordergrund (siehe hierzu etwa: http://www.christenhelfenchristen.de/files/Vaterunser-_arabisch_update_1.pdf [Stand: 25. Juli 2017]).
Vgl. hierzu M. Gielen, „Und führe uns nicht in Versuchung“. Die 6. Vaterunser Bitte – eine Anfechtung für das biblische Gottesbild?, in: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft (ZNW) 89 (1998), S. 201-216, hier: S. 201f.
Vgl. hierzu F. Urbanek, „Vater im Himmel“ – das alte Vaterunser in sprachlicher Neuauflage, Linguistica Biblica (LingBib) 66 (1992), S. 39-54, hier: S. 41f.
Vgl. hierzu CIG-Redaktion, a.a.O.
Vgl. hierzu G. Häfner, Die sechste Bitte, Quelle: http://www.lectiobrevior.de/2017/12/die-sechste-bitte.html [Stand: 17.12.2017].
Vgl. hierzu auch M. Gielen, S. 203.
Ebd., S. 204.
Zur Auslegungsgeschichte vgl. J.M. Lochmann, Unser Vater. Auslegung des Vaterunser. Gütersloh 1988, 130-134.
Hinzu kommt, dass der Widersacher, gäbe es ihn doch, selbst Geschöpf und also solches an der geschöpflichen Freiheit partizipieren würde. Damit aber wäre eine prinzipiell Umkehr möglich. Der Widersacher wäre dann kein Widersacher mehr. So oder so wirft das Phänomen des Bösen den Menschen also auf sich selbst zurück.
Matthäus verwendet hier den eindeutig finalen Infinitiv πειασθῆναι, ist also zielgerichtet (final) zu übersetzen.
M. Gielen, a.a.O., S. 210.

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