Pastoralblatt für die Diözesen

Aachen, Berlin, Hildesheim,

Köln und Osnabrück

September 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

„Gaudete et Exultate“ ist das jüngste der bislang fünf großen Schreiben Papst Franziskus' mit unterschiedlichen Kategorisierungen wie Enzyklika, Nachsynodales Schreiben oder - wie jetzt zum dritten Mal - Apostolisches Schreiben. „Heiligkeit“ ist sein Thema, das wie in einem Prisma vielfältig aufgebrochen und beleuchtet wird. Einen hilfreichen Lesegang durch die insgesamt 177 nummerierten Abschnitte bietet der Essener Priester und Caritaswissenschaftler Msgr. Dr. Martin Patzek aus Hattingen.
„Fragwürdigkeit“ ist ein eher zwiespältiges Wort. Im allgemeinen Sprachgebrauch meint es eher „zwielichtig“ und alles andere als „würdig“. Löst man es hingegen in seine beiden Bestandteile auf und meint, was es besagt, dass nämlich etwas „einer Frage durchaus würdig“ ist, dann verliert es seinen negativen Beigeschmack. Prof. Dr. Bernhard Sill, Ordinarius für Moraltheologie an der Fakultät für Religionspädagogik/Kirchliche Bildungsarbeit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, geht einen Schritt weiter und macht die Würde des Fragens an und für sich stark. Anders als Karl Rahners Mitbruder und Kollege Emmerich Coreth geht es Sill nicht um die metaphysischen Bedingungen allen Fragens, also um den Fragehorizont, sondern um das Wesen des Fragens als Offenhalten für das Überraschende - und damit letztlich für Gott selbst.
Für alle, die da waren, dürfte der Münsteraner Katholikentag noch in guter Erinnerung sein. Der geistliche Direktor des ZdK, Pfr. Christoph Stender, ordnet ihn ein in den Zusammenhang kirchlicher Großveranstaltungen und kommt von dorther zu einer Würdigung.
Manfred Glombik aus Hildesheim, Anwalt der christlichen Soziallehre, gibt einen Überblick über die Entwicklung dieser theologischen Disziplin an deutschen Fakultäten, um zugleich angesichts der Gegenwart vor ihrem Niedergang zu warnen.

 Einen guten Neustart nach hoffentlich erholsamer Urlaubszeit wünscht Ihnen

 

Ihr

Gunther Fleischer

Artikel des Monats

Martin Patzek

Habt keine Angst vor der Heiligkeit!

Das Apostolische Schreiben „Gaudete et Exsultate“

Ein Brief als Ermunterung

„Über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von Heute“ schreibt Papst Franziskus, vorgestellt am 19. März 2018. Zwanzig Briefe kennen wir von ihm, die meisten als Motuproprios = „selbst veranlasst“. „Gaudete et Exsultate“ ist damit eine „Exhortatio Apostolica“, eine Ermunterung des Papstes für uns. Mit „Amoris laetitia“ gehört auch „Gaudete et Exsultate“ (GE) in diese Reihe der Schreiben nach der römischen Bischofssynode 2015 „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“. Im Blick ist auch die nächste Synode zum Thema „Die Jugend, der Glaube und die Berufungsunterscheidung“ im Oktober 2018. Im aktuellen Brief lesen wir: „Mein bescheidenes Ziel ist es, den Ruf zur Heiligkeit einmal mehr zum Klingen zu bringen und zu versuchen, ihn im gegenwärtigen Kontext mit seinen Risiken, Herausforderungen und Chancen Gestalt annehmen zu lassen“ (GE 2). Franziskus rüttelt nicht an Lehre und Dogmen, er verändert die Haltung, mit der seine Kirche den Menschen begegnen soll: den Menschen zugewandt, barmherzig, liebevoll und bescheiden. Sein Ruf: „Habt keine Angst vor der Heiligkeit!“

 Abenteuer für jene, die sich nicht zufrieden geben

Vatican Media hat zum Papstbrief ein Video erstellt. Ich höre: „Gehörst du zu denen, die sich nicht mit einem mittelmäßigen Leben abfinden wollen? Dann hat Papst Franziskus dir einen langen Brief geschrieben. Eine Botschaft für alle, die – wie du – mit den Risiken, Herausforderungen und Chancen von heute leben. Die lieben und Kinder großziehen. Die hart arbeiten, damit es Zuhause etwas zu essen gibt. Ältere Menschen. Nonnen und Priester. Alle, die sich auf die Zukunft vorbereiten. Denn jede und jeder von uns ist zur  Heiligkeit berufen. Du auch. Ist dir das eigentlich klar? Das bedeutet nicht, dass du was Besseres bist, weil du mehr tust oder weißt als andere. Und es bedeutet nicht, dass du blind Regeln befolgen musst. Sondern es bedeutet, der Gnade zu vertrauen, um heilig zu werden. Jesus zeigt dir den Weg. Jesus ist der Weg. Ihm heute zu folgen bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen. Leid und Gerechtigkeit in dieser Welt nicht zu übersehen. Mutig zu sein, zu kämpfen, demütig zu sein und Humor zu haben. 'Hab keine Angst davor, heilig zu sein!' – Papst Franziskus.“1

Zusammenfassung zahlreicher Quellen

Systematisiert fasst Gaudete et Exsultate sehr viel von dem zusammen, was der Papst vorher schon in Predigten und Ansprachen gesagt hat. Der Chefredakteur der römischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica (Katholische Kultur), Pater Antonio Spardaro SJ, hat bei der Vorstellung des Apostolischen Schreibens ein Verzeichnis der übernommenen Teile geliefert: Das erste große Interview von Papst Franziskus in der Civiltà Cattolica im September 2013; die Idee von der „Heiligkeit von nebenan“, die vom französischen Schriftsteller Joseph Malégue stammt, den Franziskus schätzt; einige Passagen aus Evangelii gaudium, dem programmatischen Text dieses Pontifikats; die „Reflexiones sobre la vida apostolica“ (Gedanken über das apostolische Leben), die Franziskus 1987 geschrieben hatte; die Präsentation, mit der Franziskus 1989 das Buch „Mi ideal de santidad“ (Mein Ideal von Heiligkeit) des argentinischen Jesuiten Ismael Quiles vorstellte, der sein Lehrer war; das Motto „Simul in actione contemplativus“ (Zugleich durch die Handlung kontemplativ) des Jesuiten Jerónimo Nadal, eines der ersten Gefährten des heiligen Ignatius von Loyola; das Buch „Discernimento y lucha espiritual“ (Unterscheidung und geistlicher Kampf) des Jesuiten Miguel Angel Fiorito, des geistlichen Vaters des jungen Bergoglio, der dazu 1985 das Vorwort schrieb; das Motto des heiligen Ignatius, das Franziskus besonders teuer ist: „Non coerceri a maximo, contineri tamen a minimo divinum est“ (Vom Größten nicht eingeschränkt, im Kleinsten enthalten sein, ist das Göttliche); das Schlussdokument der Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats in Aparecida 2007, dessen verantwortlicher Redakteur Bergoglio war; und schließlich die verschiedenen, morgendlichen Predigten von Franziskus in Santa Marta.2

Präsentation durch ungewöhnliche Leute

Der Papstbrief wurde vorgestellt durch den Generalvikar von Rom, Erzbischof Angelo de Donatis, durch die auch international gefragte Paola Bignardi von der Katholischen Aktion Italiens und einen Freund, der heute für den Vatican Insider bei La Stampa arbeitet, den Journalisten Gianni Valente von der Agentur Fides. O-Ton Angelo de Donatis: „Diese Überlegungen, die vielleicht die Gedanken von vielen Menschen ausdrücken, sagen uns sofort, was die Herausforderung ist, die die Exhortation annehmen will. Die ewige Aktualität der christlichen Heiligkeit zu zeigen, indem sie ihren Inhalt vorstellt, wie er von der Schrift überliefert ist, um sie allen als erstrebenswertes Ziel des eigenen menschlichen Weges vorstellen zu können. Ein Ruf, den Gott an alle richtet! Und Papst Franziskus fasst das so zusammen: Die Heiligkeit ist das wahre Leben.“ Das sah auch  Paola Bignardi und fand es beeindruckend, mit welcher Kraft und Entschiedenheit Papst Franziskus davon ausgeht, „dass die Heiligkeit zu den einfachen Menschen gehört, den Menschen, die ein normales Leben führen, das aus einfachen Dingen besteht... Also eine Heiligkeit, die nicht nur für wenige Helden zugänglich ist, für außergewöhnliche Menschen, sondern die die normale Art und Weise repräsentiert, in der ein normales Leben gelebt wird. Es scheint mir, dass dies einer der interessantesten Aspekte für das Leben der Christen und der christlichen Gemeinschaften heute ist.“3

Inhalt und Form

Ein Schlüssel zum Papstbrief könnte sein, die ersten zwei Kapitel beiseite zu schieben und beim dritten Kapitel anzufangen. Es heißt: ‚Im Licht des Meisters’ und ist eine Katechese der Seligpreisungen. Franziskus wendet sich dem Wort Jesu zu und bezeichnet die Seligpreisungen als „Personalausweis des Christen“. Die Frage: Wie macht man es, ein guter Christ zu werden?, erhält die einfache Antwort des Papstes: „Es ist notwendig, dass ein jeder auf seine Weise das tut, was Jesus in den Seligpreisungen sagt“ (GE 63). Gegen den Strom der Gewohnheit, gegen das, was man in der Gesellschaft so tut, ruft uns Jesus zu einer tatsächlichen Änderung des Lebens. Franziskus erklärt jede Seligpreisung und fasst zusammen: „Im Herzen arm sein, das ist Heiligkeit. / Mit demütiger Sanftheit reagieren, das ist Heiligkeit. / Mit den anderen zu trauern wissen, das ist Heiligkeit. / Voll Hunger und Durst die Gerechtigkeit suchen, das ist Heiligkeit. / Mit Barmherzigkeit sehen und handeln, das ist Heiligkeit. / Das Herz rein halten vom allem, was die Liebe befleckt, das ist Heiligkeit. / Um uns herum Frieden säen, das ist Heiligkeit. / Jeden Tag den Weg des Evangeliums annehmen, auch wenn er Schwierigkeiten mit sich bringt, das ist Heiligkeit“ (GE 67-94).

Der geerdete Himmel

Wer das Schreiben des Papstes wirklich liest, entdeckt den geerdeten Himmel. Wenn er die „Wolke von Zeugen“ als vorbildlichen Glauben der Väter (Hebr 11f.)  nennt, die uns ermutigen sollen, mit Ausdauer in dem Wettkampf zu laufen, der vor uns liegt (Hebr 12,1), bleibt er nicht  bei den großen Gestalten des Alten Testamentes, sondern kennzeichnet unsere Lebenswelt. „Unter ihnen sind vielleicht unsere eigene Mutter, eine Großmutter oder andere Menschen, die uns nahe stehen (vgl. 2 Tim 1,5). Vielleicht war ihr Leben nicht immer perfekt, aber trotz aller Fehler und Schwächen gingen sie weiter voran und gefielen dem Herrn “ (GE 3). Er spricht von der Gemeinschaft der Heiligen: „Wir sind von Freunden Gottes umgeben, geleitet und geführt. Ich brauche nicht allein zu tragen, was ich wahrhaftig allein nicht tragen könnte. Die Schar der Heiligen Gottes schützt und stützt und trägt mich“ (GE 4). Dazu ist allerdings die selige italienische Trappistin Maria Gabriella Sagheddu (1914-1939), die für die Einheit der Christen gebetet hat, nur durch die Lebensdaten in unserer Zeit örtlich bekannt. Wenn allerdings die Heiligen von nebenan im Focus des Papstes sind, fühle ich mich zu Hause: „Es gefällt mir, die Heiligen im geduldigen Gottesvolk zu sehen: in den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln.“ Franziskus spricht von der Heiligkeit von nebenan oder der „Mittelschicht der Heiligen“ (Joseph Malègue) (GE 7). Beachtlich der Blick des Papstes auf die gesamte christliche Kirche im Zeugnis der katholischen, orthodoxen, anglikanischen und protestantischen Märtyrerinnen und Märtyrer. Er zitiert den berühmten Satz des heiligen Johannes Paul II. bei der ökumenischen Gedächtnisfeier im Jubiläumsjahr 2000 im Kolosseum, dass die Märtyrer „ein Erbe sind, das lauter spricht als die Faktoren der Trennung“ (GE 9). Interessant ist der Hinweis auf den weiblichen Genius der Heiligkeit. Neben Hildegard, Birgitta, Katharina, Teresa von Avila und Thérèse von Lisieux erinnert Franziskus „besonders auch an so viele unbekannte oder vergessene Frauen, die jede auf ihre eigene Art und Weise, Familien und Gemeinschaften mit der Kraft ihres Zeugnisses getragen und verwandelt haben“ (GE 12).

Lebe in diesem Augenblick!

Es ist eine große Eigenschaft des Papstes, Menschen direkt anzusprechen. Er sieht alle berufen, heilig zu sein und die Liebe zu leben, jeder an dem Platz, an dem er sich befindet. Er sieht einmal die Gottgeweihten. Dazu erzählte die französische Schwester Josepha der Gemeinschaften von Jerusalem im vatikanischen Pressesaal ihren Eindruck der Heiligkeit. Kurz und knapp formuliert der Papst: „Sei heilig, indem du deine Hingabe freudig lebst“ (GE 14). Starker in den Blick nimmt Franziskus die Verheirateten, Vater oder Mutter,  Arbeiter, Opa oder Oma bis hin zu den besonders verantwortlichen Menschen: „Bist du verheiratet? Sei heilig, indem du deinen Mann oder deine Frau liebst und umsorgst, wie Christus es mit der Kirche getan hat. Bist du ein Arbeiter? Sei heilig, indem du deine Arbeit im Dienst an den Brüdern und Schwestern mit Redlichkeit und Sachverstand verrichtest. Bist du Vater oder Mutter, Großvater oder Großmutter? Sei heilig, indem du den Kindern geduldig beibringst, Jesus zu folgen. Hast du eine Verantwortungsposition inne? Sei heilig, indem du für das Gemeinwohl kämpfst und auf deine persönlichen Interessen verzichtest“ (GE 14). Von den kleinen Gesten schreibt der Papst. Die Szene zweier Frauen auf dem Markt stellt er sich plastisch und trivial vor: „Eine Frau geht … auf den Markt zum Einkaufen, trifft dabei eine Nachbarin, beginnt ein Gespräch mit ihr, und dann wird herumkritisiert. Trotzdem sagt diese Frau innerlich: ‚Nein, ich werde über niemanden schlecht reden.’ Das ist ein Schritt zur Heiligkeit. Zu Hause möchte ihr Kind dann über seine Phantasien sprechen, und obwohl sie müde ist, setzt sie sich zu ihm und hört ihm mit Geduld und Liebe zu. Das ist ein weiteres Opfer, das heilig macht… Dann geht sie aus dem Haus, trifft einen Armen und bleibt stehen, um liebevoll mit ihm zu reden …“ (GE 16).

Sendung ist der Weg zur Heiligkeit

Unsere Heiligkeit betrachtet der Papst trinitarisch als Entwurf des Vaters in Jesus, „um zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte einen Aspekt des Evangeliums widerzuspiegeln und ihm konkrete Gestalt zu verleihen“ (GE 19). Er nennt: „Jesu verborgenes Leben, sein Leben in der Gemeinschaft, seine Nähe zu den Geringsten, seine Armut und andere Erscheinungsformen seiner Hingabe aus Liebe“ (GE 20). Und er bezeichnet jeden Heiligen als „eine Botschaft, die der Heilige Geist aus dem Reichtum Jesu Christi schöpft und seinem Volk schenkt“ (GE 21). Dabei geht es um die Gesamtheit des Lebens, nicht um Details, auch um Fehler und Schwächen. Und wieder und wieder appelliert der Papst: „Auch du musst dein Leben im Ganzen als eine Sendung begreifen. Versuche dies, indem du Gott im Gebet zuhörst und die Zeichen recht deutest, die er dir gibt. Frage immer den Heiligen Geist, was Jesu von dir in jedem Moment deiner Existenz und bei jeder Entscheidung, die du treffen musst, erwartet, um herauszufinden, welchen Stellenwert es für deine Sendung hat“ (GE 23).  Sehr geschickt verbindet der Papst den täglichen Kampf mit der notwendigen Kontemplation: „Es ist nicht gesund, die Stille zu lieben und die Begegnung mit anderen zu meiden, Ruhe zu wünschen und Aktivität abzulehnen, das Gebet zu suchen und den Dienst zu verachten “ (GE 26). Die Spiritualität des Katecheten, des Diözesanklerus und der Arbeit ist im Blick des Papstes. Er verweist uns auf seine früheren Apostolischen Schreiben: „Aus demselben Grund schloss ich ‚Evangelii gaudium’ mit einer Spiritualität der Mission, ‚Laudato si´’ mit einer ökologischen Spiritualität und ‚Amoris laetitia’ mit einer Spiritualität des Familienlebens“ (GE 28).

Gegner und Feinde der Heiligkeit

Gnostizismus und Pelagianismus sind die Schlagworte. Diese Häresien der ersten christlichen Jahrhunderte sagen mir wenig. Ein Schlüssel ist die Fußnote 33 des Apostolischen Schreibens. Sie bezieht sich auf ein Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre „Placuit Deo“ über einige Aspekte des christlichen Heils vom 22. Februar 2018: „Der Individualismus des Neu-Pe-lagianismus sowie die Leibverachtung des Neu-Gnostizismus entstellen das Bekenntnis des Glaubens an Christus, den einzigen und universalen Retter.“ Im Kern lehrte der Theologe Pelagius (350-420), es sei grundsätzlich möglich, ohne Sünde zu sein (posse sine peccato esse), zugespitzt handelt es sich um eine Lehre der Selbsterlösungsmöglichkeit und -fähigkeit des Menschen. Der Gnostizismus (Weltanschauung der Er-Kenntnis) ist eine Bewegung der ersten beiden Jahrhunderte. Demnach besteht das wahre Wesen des Menschen in einem Funken des göttlichen Geistes. Dieser Geist muss vom Leib befreit werden, damit der Mensch zu seinem Ursprung in Gott zurückkehren kann. Man kann also von einer leibfeindlichen Bewegung sprechen. Langsam verstehe ich die Bedenken des Papstes: „Gott sei Dank wurde im Laufe der Geschichte der Kirche sehr deutlich, dass die Vollkommenheit des Menschen an ihrer Nächstenliebe gemessen wird, nicht an der Fülle erworbener Daten und Kenntnisse“ (GE 37). Franziskus wettert gegen einen Geist, der in das Korsett einer Enzyklopädie von Abstraktionen geschnürt wird. Er wendet sich gegen die heutigen Gnostiker, die glauben, „dass sie mit ihren Erklärungen den ganzen Glauben und das ganze Evangelium vollkommen verständlich machen können“ (GE 39). Zielgruppen sind diejenigen, die Antwort auf alle Fragen haben.  „Deshalb können wir nicht beanspruchen, dass unsere Art, die Wahrheit zu verstehen, uns ermächtigt, eine strenge Überwachung des Lebens der anderen vorzunehmen“ (GE 43).  Franziskus definiert die theologische Hermeneutik: „Die Fragen unseres Volkes, seine Leiden, seine Auseinandersetzungen, seine Träume, seine Kämpfe, seine Sorgen besitzen einen hermeneutischen Wert, den wir nicht unbeachtet lassen dürfen, wenn wir das Prinzip der Menschwerdung ernst nehmen. Seine Fragen tragen dazu bei, dass wir uns  Fragen stellen, seine Probleme stellen uns vor Probleme.“ Ein anderer Gegner und Feind der Heiligkeit ist für den Papst der Brite Pelagius (350-420) und seine Irrlehre: Der Pelagianismus sieht das Christentum als eine Summe hoher und höchster moralischer Forderungen, die jeder Christ in steter Askese verwirklichen soll. Diese sittlichen Gebote, das Gesetz Gottes, findet er in der Heiligen Schrift, die er kennen und ständig meditieren muss. Der Brite Pelagius verließ um 390 seine Heimat, um in Rom als christlicher Asket zu leben, ohne sich jedoch einer Mönchsgemeinschaft anzuschließen. Er gelangte zu hohem Ansehen und konnte eine Schar Gleichgesinnter um sich sammeln. Franziskus beschreibt die heutigen Neopelagianer: Es gibt Christen, „die einen anderen Weg gehen wollen: jenen der Rechtfertigung durch die eigenen Kräfte, jenen der Anbetung des menschlichen Willens und der eigenen Fähigkeit; das übersetzt sich in eine egozentrische und elitäre Selbstgefälligkeit, ohne wahre Liebe. Dies tritt in vielen scheinbar unterschiedlichen Haltungen zutage: dem Gesetzeswahn, der Faszination daran, gesellschaftliche und politische Errungenschaften vorweisen zu können, dem Zurschaustellen der Sorge für die Liturgie, die Lehre und das Ansehen der Kirche, der mit der Organisation praktischer Angelegenheiten verbundenen Prahlerei, oder der Neigung zu Dynamiken von Selbsthilfe und ich-bezogener Selbstverwirklichung. Hierfür verschwenden einige Christen ihre Kräfte und ihre Zeit, anstatt sich vom Geist auf den Weg der Liebe führen zu lassen, sich für die Weitergabe der Schönheit und der Freude des Evangeliums zu begeistern und die Verlorengegangenen in diesen unermesslichen Massen, die nach Christus dürsten, zu suchen“ (GE 57). In Jesus können wir zwei Gesichter erkennen, das des Vaters und des Bruders, das Angesicht Gottes, dass sich in vielen widerspiegelt.  Als großen Maßstab fügt Franziskus die (leiblichen) Werke der Barmherzigkeit (Mt 25)  den Seligpreisungen hinzu: Das „ist nicht nur eine Aufforderung zur Nächstenliebe, sie (die Aussage des Matthäus) ist ein Stück Christologie, das einen Lichtstrahl auf das Geheimnis Christi wirft. In diesem Aufruf, ihn in den Armen und Leidenden zu erkennen, offenbart sich das Herz Christi selbst, seine Gesinnung und seine innersten Entscheidungen, die jeder Heilige nachzuahmen versucht“ (GE 98). Der Papst schreibt von zwei schädlichen Fehlern, die den Kern des Evangeliums entstellen. Er meint jene Christen, die das Evangelium von ihrer persönlichen Beziehung zum Herrn trennen. Als Gegenbeispiele führt er die leuchtende Spiritualität seines Namenspatrons Franz von Assisi, dazu von Vinzenz von Paul und Mutter Teresa von Kalkutta an (GE 100). Der zweite Fehler meint die, „die in ihrem Leben dem sozialen Einsatz für die anderen misstrauen, weil sie ihn für oberflächlich, weltlich, säkularisiert, immanentistisch, kommunistisch oder populistisch halten …“ (GE 101). Zielgruppen sind diejenigen, die sich um das ungeborene Leben und beispielsweise um versteckte Euthanasie der Kranken und Alten und neue Formen von Sklaverei und jede Form des Wegwerfens kümmern. Zwei Abschnitte widmet der Papst der Lage der Migranten. Die Gastfreundschaft des heiligen Benedikt dient ihm als Beispiel.

Der Stellenwert des Gottesdienstes

Das Apostolische Schreiben sieht Gebet und Gottesdienst als Förderung der täglichen liebenden Hingabe und Orte, unserer Vorsätze, großherzig zu leben. Gottesdienst und Weltdienst sind hier miteinander verbunden, ja bedingen einander. Auch hier liefert dem Papst die Regel des heiligen Benedikt die Deutung der Barmherzigkeit. Sie ist „der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt“, „die Fülle der Gerechtigkeit“, „der Schüssel zum Himmel“ (GE 105). Ein zweiter Garant für Franziskus ist der heilige Thomas von Aquin, der die Werke der Barmherzigkeit höher stellte als die Akte des Gottesdienstes: „Wir ehren Gott durch die äußeren Opfer und Geschenke nicht seinetwegen, sondern unseretwegen und des Nächsten wegen; denn er bedarf unserer Opfer nicht, sondern will, dass sie ihm dargebracht werden um unserer Hingabe und um des Nutzens des Nächsten willen“ (GE 106). Bedenkenswert ist auch seine dritte Zeugin, nämlich Mutter Teresa von Kalkutta. Sie sagt: „Ja, ich habe viele menschliche Schwächen, viele Armseligkeiten. Aber er erniedrigt sich und bedient sich unser – deiner und meiner -  damit wir seine Liebe und sein Mitleid in der Welt sind, trotz unserer Sünden, trotz unserer Armseligkeiten und unserer Fehler. Es hängt von uns ab, die Welt zu lieben und ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebt “ (GE 107). Mit meinen Worten:  Oft erleben wir im kirchlichen Alltag Verkündigung ohne Zeichenhaftigkeit und ohne konkrete Nächstenliebe. Das „Einfallstor Caritas“, die einladende Kirche als „Dienst in Liebe“, als „Verkündigung ohne Worte“ und „weltlicher“ Gottesdienst, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Anders ausgedrückt: Mit der Verkündigung des Gotteswortes und der Feier der Sakramente geht es um die Voraussetzungen und Konsequenzen solcher Glaubensgemeinschaft, um den geschwisterlichen Dienst christlicher Liebe. Und der Papst: „Die Kraft des Zeugnisses der Heiligen liegt darin, die Seligpreisungen und den Maßstab des Jüngsten Gerichts zu leben“ (GE 109).

Fünf große Bekundungen der Liebe

Das erste der wichtigen Merkmale ist „Durchhaltevermögen, Geduld und Sanftmut“ (GE 112 ff.). Es geht dabei darum, „auf Gott hin, der uns liebt und trägt, zentriert und gefestigt zu sein.“ Bewusst soll der Christ gegen die eigenen aggressiven und egozentrischen Neigungen angehen. Dabei widmet Franziskus ein ganzes Kapitel dem Internet und den verschiedenen Foren und Räumen des digitalen Austausches, die Teil von Netzwerken verbaler Gewalt werden. „Sogar in katholischen Medien können die Grenzen überschritten werden; oft bürgern sich Verleumdung und üble Nachrede ein, und jegliche Ethik und jeglicher Respekt vor dem Ansehen anderer scheinen außen vor zu bleiben“ (GE 115). Ich habe durchaus das Verhalten des Papstes vor Augen, wenn er schreibt: „Der Heilige verschwendet seine Energien nicht damit, über fremde Fehler zu klagen; er kann über die Schwächen seiner Brüder und Schwestern schweigen und vermeidet verbale Gewalt, die zerstört und misshandelt …“ (GE 116). Das zweite Merkmal der Heiligkeit ist „Freude und Sinn für Humor" (GE 122 ff.). Der Papst erklärt und grenzt bewusst ab: „Ich rede nicht von der konsumorientierten und individualistischen Freude … denn der Konsumismus stopft das Herz nur voll; er kann gelegentliches und vorübergehendes Vergnügen bieten, aber keine Freude. Ich beziehe mich vielmehr auf die Freude, die man in Gemeinschaft erlebt, die man teilt und verteilt, denn ‚geben ist seliger als nehmen’ (Apg 20,35) und ‚Gott liebt einen fröhlichen Geber’ (2 Kor 9,7)“ (GE 128).  Ein anderes Merkmal der Heiligkeit ist „Wagemut und Eifer". Wieder gibt es eine längere Fußnote (GE 103). Sie verweist auf „Evangelii nuntiandi" (1975) und „Gaudete in Domino" des seligen Paul VI. Auffällig auch bei Paul VI. ist der Begriff „parrhesia" als Wagemut, als Antrieb zur Evangelisierung, die eine Spur in dieser Welt hinterlässt. Es geht um „den Mangel an Eifer, der umso schwerwiegender ist, weil er aus dem Innern entspringt. Wie oft sind wir versucht, aus Bequemlichkeit am Ufer zu bleiben! Doch der Herr ruft uns, aufs Meer hinauszufahren und die Netze in tieferen Gewässern auszuwerfen (vgl. Lk 5,4). Er lädt uns ein, unser Leben in seinem Dienst zu verausgaben. In ihm verankert fassen wir Mut, all unsere Charismen in den Dienst der anderen zu stellen“ (GE 129).  Beachtlich ist für Franziskus das Vorbild vieler Priester, Ordensfrauen, Ordensmänner und Laien. „Ihr Zeugnis erinnert uns daran, dass die Kirche nicht viele Bürokraten und Funktionäre braucht, sondern leidenschaftliche Missionare, die verzehrt werden von der Begeisterung, das wahre Leben mitzuteilen“ (GE 138). Ein weiteres Merkmal der Heiligkeit ist der gemeinschaftliche Weg, immer zu zweit. Serviten, Salesianerinnen, die Märtyrer in Japan, die Märtyrer in Korea, in Südamerika und das jüngste Zeugnis der Trappistenmönche von Tibhirine (Algerien) sowie viele heilige Ehepaare sind dafür Belege (GE 141). Benedikt und Scholastika, aber auch Augustinus und Monika sind für den Papst echte mystische und in Gemeinschaft gelebte Erfahrungen (GE 142). Um allen Mut zu machen, die solche Erlebnisse nicht kennen, verweist er auf das Gemeinschaftsleben in der Familie, in der Pfarrei, in der Ordensgemeinschaft oder in irgendeiner anderen Gemeinschaft (GE 143). Das beständige Gebet (GE 147 ff.) ist das weitere Merkmal der Heiligkeit: „Der Heilige ist Mensch mit einem betenden Geist, der die Kommunikation mit Gott braucht. Er ist jemand, der es nicht erträgt, in der verschlossenen Immanenz dieser Welt zu ersticken, sondern inmitten seiner Anstrengungen und Hingabe nach Gott Luft holt, der aus sich herausgeht im Lobpreis und seine Grenzen weitet in der Betrachtung des Herrn “ (GE 147).

Ein beständiger Kampf gegen den Teufel

Manche meinen, Papst Franziskus kenne keinen Teufel. Seine Theologie rede bestenfalls vom Bösen und der weltlichen Mentalität, „die betrügt, betäubt, und uns mittelmäßig werden lässt, ohne Engagement und freudlos“ (GE 159). Wer das letzte Kapitel des Apostolischen Schreibens aufschlägt wird eines Besseren belehrt. „Kampf, Wachsamkeit und Unterscheidung“ ist die Überschrift. Für Franziskus ist der Teufel mehr als ein Mythos, ein Schauspiel, ein Symbol oder ein Bild. „Der Teufel hat es nicht nötig uns zu beherrschen. Er vergiftet uns mit Hass, Traurigkeit, Neid, mit den Lastern. Er nützt dann unsere Achtlosigkeit, um unser Leben, unsere Familien und unsere Gemeinschaften zu zerstören, denn er ‚geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann’“ (1 Petr 5,8) (GE 161). Wichtig ist dem Papst die Haltung der Unterscheidung, ob etwas vom Heiligen Geist kommt oder ob es im Geist der Welt oder im Geist des Teufels seinen Ursprung hat (GE 166).  „Alle, besonders die jungen Menschen, sind einem ständigen Zapping ausgesetzt. Man kann auf zwei oder drei Bildschirmen gleichzeitig navigieren und zugleich auf verschiedenen virtuellen Ebenen interagieren. Ohne die Weisheit der Unterscheidung können wir leicht zu Marionetten werden, die den augenblicklichen Trends ausgeliefert sind“ (GE 168). Nach guter Tradition zeigt der Papst als Ende seines Apostolischen Schreibens auf Maria, weil sie wie keine andere die Seligpreisungen Jesu gelebt hat. „Sie erbebte vor Freude in der Gegenwart des Herrn, sie bewahrte alles in ihrem Herzen und ließ es von einem Schwert durchdringen. Sie ist die Heilige unter den Heiligen, die Hochgebenedeite, die uns den Weg der Heiligkeit lehrt und uns begleitet. Sie nimmt es nicht hin, dass wir fallen und liegen bleiben, und zuweilen nimmt sie uns in die Arme, ohne uns zu verurteilen. Das Gespräch mit ihr tröstet uns, macht uns frei und heiligt uns. Die Mutter braucht nicht viele Worte, sie hat es nicht nötig, dass wir uns anstrengen, um ihr zu erklären, was uns passiert. Es genügt, ein ums andere Mal zu flüstern: ‚Gegrüßet seist du, Maria …’“ (GE 177).

 

Anmerkungen:

Vatican News 09.04.18 - mg.
Ebd.
Ebd.

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