Pastoralblatt für die Diözesen

Aachen, Berlin, Hildesheim,

Köln und Osnabrück

November 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

zu den zentralen Inhalten des christlichen Glaubens und zugleich zu den schwer vermittelbaren „Brocken“ gehört der Trinitätsglaube. Einen Zugang nicht über die Lehre oder ein bestimmtes theologisches Modell, sondern letztlich über das Glaubensbekenntnis als Sprechakt und die sich damit verbindenden Erfahrungen einer und eines jeden Getauften unternimmt AOR Dr. Thomas P. Fößel, Privatdozent am Fundamentaltheologischen Seminar der Universität Bonn.
Seit Kurzem ist ein bibelmethodisches Buch auf dem Markt, das dazu anleitet, Texte der Hl. Schrift als Maßgabe für die Entwicklung pastoraler Leitlinien wahrzunehmen. Trotz auch kritischer Einwände scheint mir diese Veröffentlichung zur „Methode 3D“ so bedeutsam, dass sie über das Maß einer „normalen“ Rezension hinausgehend von mir ausführlich besprochen und zur Arbeit mit ihr empfohlen wird.
Pfr. Joachim Gerhardt vom Referat für Presse und Öffentlichkeitsarbeit des Evangelischen Kirchenkreises Bonn wirft einen Blick auf die Nachhaltigkeit des Reformationsjubiläumsjahres in der Evangelischen Kirche ebenso wie im ökumenischen Miteinander beider Konfessionen. Über dieses Zeichen kirchengeschwisterlicher Verbundenheit freue ich mich als Schriftleiter besonders.
Für Dr. Werner Höbsch, langjähriger Leiter des Referats Dialog und Verkündigung, bedeutet Ruhestand nicht Untätigkeit. Als engagiertes Mitglied von pax christi nimmt er das Ende des 30jährigen Krieges vor 400 Jahren, des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren sowie die Reichspogromnacht vor 80 Jahren zum Anlass, über die gesellschaftliche Bedeutung von „Erinnerungskultur“ generell und ihre spezifisch christliche Verankerung im Besonderen nachzudenken.
Prof. Dr. Erich Garhammer, emeritierter Ordinarius für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg, widmet schließlich seine Aufmerksamkeit dem Philosophen Peter Wust, und zwar ganz besonders als Beter.
Ein Heft mit viel Stoff zum Nachdenken in einem Monat, da die dunklen Zeiten am Tage deutlich länger werden. Möge die Lektüre Erkenntnislichter bringen, wünscht Ihnen mit frohem Gruß

Ihr

Gunther Fleischer

Artikel des Monats

Gunther Fleischer

-Eine neue bibelpastorale Methode stellt sich vor

Zur Neuerscheinung des Buches „Methode 3D“1

1. Die Antwort auf ein Desiderat

Methodenbücher zur Heiligen Schrift gibt es vielleicht nicht „so zahlreich wie die Sterne am Himmel“ (vgl. Gen 15,5), aber auf jeden Fall in großer Zahl. Sie beziehen sich in der Regel auf den Bereich der wissenschaftlichen Exegese oder der kreativen Bibelarbeit. Handbücher, wie mit der Heiligen Schrift so umgegangen werden kann, dass sie zum Fundament der pastoralen Arbeit wird, sind hingegen eher ein Desiderat.
Dafür mag es sehr unterschiedliche Gründe geben. Nachdem mit dem Zweiten Vaticanum das Wort Gottes für die katholische Kirche noch einmal ganz neu in den Mittelpunkt gerückt wurde, bedurfte es zunächst einmal einer Heranführung an  die Bibel überhaupt. Verstehenshilfen einerseits und Methoden andererseits, die es ermöglichen, einen Bezug der Texte zum Leben zu erkennen, mussten entwickelt werden (ein wichtiges Stichwort: Korrelation). Auch galt es, der wachsenden Autonomisierung des Menschen wie auch den Erkenntnissen der Lernpsychologie Rechnung zu tragen, was sich in einem eigenständigen - individuellen oder gruppenbezogenen - Arbeiten mit der Hl. Schrift spiegelt. Hier finden die kreativen Methoden ihren Platz. Ein letzter Anschub zur Entwicklung von biblischen Methoden war situativ bedingt: Was tun, wenn aufgrund der Klerikerzahlen eine „biblische Grundversorgung“ der Gläubigen über die sonntägliche Messfeier nicht mehr gewährleistet ist? In Südafrika wurde auf diesem Hintergrund das Bibelteilen im Sinne des Siebenschrittemodells entwickelt, dem weitere Methoden zur Seite zu stellen wären.
Was immer auf dem „Markt der Möglichkeiten“ auftauchte, ging im Grunde über eine „Beschäftigung mit der Hl. Schrift“ nicht hinaus, war aber mitnichten eine Antwort auf die Frage: Inwieweit kann die Bibel eine Folie oder ein Fundament sein für die Suche nach einer Pastoral von heute? Wie wenig eine solche Frage im Raume stand, möge ein winziges Blitzlicht zeigen: Als im Vorfeld des Bibeljahres 2003 in einem deutschen Bistum die Idee entstand, eine Bistumsbibel zu erstellen, für welche die verschiedensten Gruppierungen der Diözese je eine Doppelseite gestalten sollten, meldete sich als eine dieser Gruppen das Domkapitel. Der damalige langjährige -Propst musste im Rückblick gestehen: Es war das erste Mal, dass im Domkapitel über einen biblischen Text gesprochen wurde. M. a. W.: Bibel nicht nur als Glaubens- und Lebensanweisung für die Gläubigen zu lesen, sondern als Fundament einer Pastoral, ist eine sehr junge Perspektive, die viel mit dem Strukturwandel der Kirche zu tun hat.
Wenn erst jetzt ein Buch mit der Überschrift „Die Bibel als Orientierung in Zeiten pastoralen Umbruchs“ erschienen ist, so ist dies nicht wirklich überraschend, aber umso mehr zu begrüßen. Es die erste Frucht eines Forschungsprojektes des 2015 gegründeten Instituts für pastorale Praxisforschung und bibelorientierte Praxisbegleitung (IbiP) am Fachbereich der KatHO NRW. Dessen Leiterin ist die Professorin für Exegese und biblische Theologie, Prof. Dr. Christiane  Koch, deren Kompetenz und leitendes Engagement zusammen mit der Arbeit eines Teams in die Erstellung des Buches eingegangen ist.

2. Zur Vorstellung des Buches

Was das Buch will und an wen es sich richtet, sagt das Vorwort. „Die Methode 3D ist gedacht zur bibelorientierten Reflexion und Vergewisserung pastoraler Arbeit im Team oder auch in der Einzelarbeit“ (S. 10). Angesprochen sind also vorrangig Hauptamtliche, Menschen mit theologischer Ausbildung, unter deren Anleitung sicher auch ehrenamtliche Teammitglieder mitmachen können. Dieser Gruppe wird nun zugetraut, dass sie sich für eine bibelgestützte Praxisreflexion genügend Zeit nimmt - nach meinem Eindruck auf keinen Fall weniger als einen halben Tag für eine Zusammenkunft - und bereit ist, dazu in die Tiefen einer Perikope der Heiligen Schrift vorzudringen. Denn zwei der insgesamt 3 Dimensionen der Methode 3D sind reine Bibelarbeit.
Die erste Dimension will den Text selbst analysieren, und zwar sowohl als „Gewebe“ (textum) wie auch als „Mitteilung“. Nicht die Entstehung des biblischen Textes wird erforscht, sondern der Text als strukturierte Größe und als ein Medium, das immer schon in Kommunikation mit der Hörer- bzw. Leserschaft treten wollte und noch will. Dementsprechend wird in einer Erzähltextanalyse - das Buch beschränkt sich auf die für das Anliegen ergiebigste und am leichtesten zugängliche Gattung der Erzählung (etwa im Gegensatz zu Prophetentexten, Psalmen oder Briefen) - nach dem Zeitgerüst, den Räumen, den Handelnden, Handlungsablauf und markanten Erzählmotiven gefragt. Man könnte von einer sorgfältigen Terrainerkundung sprechen, die weniger Hintergrundwissen, als vor allem genaue Wahrnehmung erfordert. Dieser Schritt baut der immer wieder antreffbaren Gefahr vor, vor lauter Anwendungseifer einen biblischen Text gegen sich selbst ins Heute zu übertragen.
Die zweite Dimension ist der „Erfahrungsraum“ des biblischen Textes. Hier wird ernst genommen, dass biblische Erzählungen nicht einfach in eine geschichtslose Überzeitlichkeit hinein formuliert oder festgehalten wurden, sondern in konkrete geschichtliche Erfahrungen hinein geschrieben wurden bzw. nach Ihrer Fixierung als Hl. Schrift in solche Erfahrungen hinein gelesen wurden. Zumindest für die alttestamentlichen Texte bietet sich die Perserzeit (538-323 v. Chr.) als entscheidender Erfahrungsraum an, weil diese nach der neueren exegetischen Forschung eine der wichtigsten konstitutiven Phasen für die Schriftwerdung des hebräischen AT war und sie zugleich aufgrund ihrer starken erfolgsökonomischen Ausprägung wie auch der durch religiöse Toleranz, aber auch durch Multiethnizität  ermöglichten Multioptionalität bzgl. Religion und Weltanschauung unserer Gegenwart nicht unähnlich ist. Auch die Klärung eigener Identität im Kontext von Diaspora ist durchaus ein vergleichbarer Faktor. So besteht dieser Methodenschritt in der Aufgabe, alttestamentliche Perikopen auf dem Hintergrund der Erfahrungsfolie Perserzeit bzw. Evangelien auf dem Erfahrungshintergrund des ausgehenden ersten christlichen Jahrhunderts zu lesen. Für beide Teile der einen Bibel gelten dabei dieselben Reflexionskritierien: „Leben im globalen Raum“, „Die soziale Frage“, „Gemeinde muss sich neu (er-)finden“, „Auf der Suche nach Einheit stiftender, religiöser Identität“, „Diaspora als Lebensraum“ (S. 58 und 78).
Erst im letzten Schritt kommt die heutige Pastoral als dritte Dimension in den Blick. Dieser Schritt führt zu aus den beiden vorhergehenden Schritten ableitbaren Leitlinien pastoralen Handelns.

3. Positive Würdigung

Das Buch zeugt von einer hohen didaktischen Kompetenz, insofern jeder Schritt durch ein Beispiel veranschaulicht wird, alle notwendigen Hintergrundinformationen geliefert und durch die Beschränkung auf zwei Hauptbeispiele (1 Kön 17,1-16: Die Witwe von Sarepta und Lk 7,1-10: Der Hauptmann von Kafarnaum) Verwirrung durch Überladung vermieden wird.
Ein Eingangsbeispiel, die punktuelle Auslegung von Gen 13,1-18 (Abram und Lot teilen unter sich das Land auf) plausibilisiert das Anliegen und den Ansatz des Buches und macht neugierig, ohne schon alles vorwegzunehmen.
Wer Feuer gefangen hat, findet mehr Material als Download unter www.methode-3d.de - ein sicherlich sinnvoller Ansatz, da so immer wieder Aktualisierungen möglich sind, die in Buchform gar nicht möglich bzw. zu teuer wären.
Die erwähnte didaktische Kompetenz zeigt sich auch in der Idee, die Betrachtung der jeweiligen Erfahrungsräume (Perserzeit, ausgehendes 1. Jh. n. Chr.) über Rollenkarten vorzunehmen (z. B. Phönizier, Jude/Jüdin, Repräsentant(in) der Ober- bzw. Unterschicht, Ephigenia - ältere Griechin etc.), die mit bestimmten auf den Bibeltext reagierenden Positionierungen verbunden werden können und zugleich beliebig erweiterbar sind. Außerdem werden am Ende des Buches neben den Rollenkarten (S. 202-214) für die verschiedenen Arbeitsschritte sehr genaue Beschreibungen geliefert (S. 190-201).

4. Anfragen

Nach allem Gesagten können Buch wie Gesamtprojekt ganz sicher als Meilenstein in der Entwicklung des biblischen Methodenkanons betrachtet werden.
Zur Redlichkeit gehört aber auch die Nennung von Anfragen. Dazu beschränke ich mich auf die Auslegung des Elija-Textes 1 Kön 17,1-16, da die Behandlung des NT-Textes deutlich plausibler ist (s. 6.). Zumindest in einigen Punkten scheint mir die Auslegung schon innerhalb der ersten Dimension zu sehr bestimmt zu sein entweder vom schielenden Blick auf die Perserzeit oder gar auf die heutige Situation. Es klingt natürlich gut, bei der Elija mit Wasser und Brot versorgenden Witwe von „gelebter Solidarität“, von „Würde und Ansehen“ zu sprechen sowie von einer „Berufung“ durch Gott (S. 113). Unterschlagen wird allerdings, dass auf der Erzählebene (so auch S. 100 korrekt übersetzt) es heißt: „Ich habe dort einer Witwe befohlen, dich zu versorgen“ (V 9d). Das klingt eher nach göttlicher „Vorprogrammierung“ als nach Berufung (Kursive vom Verf.). Dass dieser Befehl erst im zweiten Anlauf ausgeführt wird, nämlich genau dann, wenn auch „der HERR, der Gott Israels“ explizit von Elija ins Feld geführt wird, zeigt, dass Gottes Wort nicht sozusagen automatisch wirkt und sein Befehl bei der Witwe nicht einfach nur „offene Türen einrennt“. Die Hartnäckigkeit des Elija am Stadttor (ganz sicher, wie es im Buch mehrfach unterstrichen wird, ein Symbol der Rechtsprechung bzw. dafür, dass hier Recht geschieht) als „Begegnung auf Augenhöhe“ (S. 109.113)zu betrachten, ist m. E. eher modern als im Text angelegt. Wenn dann auch noch vom „in Vers 15d beschriebenen gemeinsame[n] Mahl“ als Ausdruck der „Begegnung auf Augenhöhe“ gesprochen wird, von dem der Erzähltext keine Silbe sagt und vielmehr festhält: „So hatte sie mit ihm und ihrem Sohn viele Tage zu essen“ (s. Übersetzung S. 101), werde ich noch skeptischer. Das gilt umso mehr, als Elija mindestens für die erste Mahlzeit festhält, dass die Witwe bitte erst einmal Elija (V 13: „zuerst für mich“) versorgen möge, ehe sie an sich und ihren Sohn denkt („Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten …“)
Während völlig zu Recht hinsichtlich des Raumkonzeptes die große Ost-West-Erstreckung des Handlungsraums  (zwischen Gilead östlich des Jordan und Sarepta im westlich von Israel gelegenen Phönizien) betont wird, scheint mir die Einbindung in ein „Rückkehrer/innen“-Konzept der Nachexilszeit doch eher schwierig. Denn erzählt wird nicht, dass „der 'Ort Gottes' nicht auf Jerusalem und den Tempel begrenzt ist“ (S. 123), sondern vielmehr, dass zur Zeit des Elija bzw. des Königs Ahab Gott als Gott der Fülle nur außerhalb Israels (am Bach Kerit auf der nicht-israelitischen Jordanseite und in Sarepta in Phönizien) wirkt. Mittendrin wirkt er Gericht durch eine Totaldürre. Das Thema ist also weniger die Ubiquität des Wirkens Gottes, auch wenn die Grenzüberschreitung seines Handelns vorausgesetzt wird,  als das Vakuum positiven Gotteshandelns im Israel Ahabs, der nichts vom HERRN und alles von Baal erwartet.
Es ist in diesem Zusammenhang zumindest auffallend, dass nach der Witwe, Elija und Gott „die verbleibenden erzählten Figuren (Ahab und die Raben)“ (S. 110) aufgrund ihrer einmaligen Erwähnung im Text bei der Charakterisierung unberücksichtigt bleiben. Immerhin beginnt die Perikope durch die Ansprache Elijas an Ahab (V 1) mit einer deutlichen, mindestens temporären Bündnisverweigerung Gottes wie Elijas („… in diesen Jahren sollen weder Tau noch Regen fallen, es sei denn auf mein Wort hin“: 1 Kön 17,1d-e). Soll so die sich unausweichlich aus dem Text ergebende und natürlich wenig angenehme Übertragungsfrage vermieden werden: Gibt es auch den Part Ahab in der Gemeinde (zur Zeit Persiens bzw. heute), mit dem es unter den jetzigen Voraussetzungen kein Zusammenwirken geben kann bzw. sind schon alle Schritte auf die „Ahabs“ zu getan, damit ein vielleicht vorübergehendes, aber zunächst einmal kategorisches Nein gar nicht erst gesprochen werden muss?
Schließlich wäre auch noch zu fragen, ob die Geschichte erzählen will, dass Gott im Leben der Menschen wirkt, „unabhängig von ihrem Glauben“ (S. 144), oder ob nicht gezeigt werden soll, dass es auch bei einem religiös völlig anders „tickenden“ Menschen (auch die Phönizier glaubten, aber eben anders als Israel) zum Glauben an den Gott Israels kommen kann im Sinne des tiefen Vertrauens auf die Worte eines authentischen Gotteswort-Vermittlers.
Bei den am Ende erarbeiteten Leitlinien pastoralen Handelns (1. Pastoral der Beteiligung, 2. Pastoral auf Augenhöhe, 3. Pastoral in ,Sarepta‘ [gemeint ist, dass auch an einem explizit kirchlich nicht geprägten Ort Spuren heilvollen Wirkens Gottes ausgemacht werden können und sollen], 4. Pastoral am Stadttor: S. 144-146) kann ich persönlich nicht erkennen, dass der wirklich ziemlich beschwerliche oder zumindest sehr herausfordernde, z. T. auch spekulative Umweg über die zweite Dimension der Perserzeit notwendig ist. Anders gesagt: Nach meinem Eindruck könnte ein konsequentes Einhalten der Methodenschritte der ersten Dimension auch schon die Übertragung auf die heutige Pastoral möglich machen. Damit wäre für manche Gruppe die Hemmschwelle vielleicht etwas niedriger gelegt. In gewisser Weise gibt Christiane Koch selbst einen nicht ganz so rigorosen, aber doch in die Richtung gehenden Hinweis, insofern sie S. 124 für die Erarbeitung von Dimension 2 vorschlägt, die Elemente „Rollenfindung“ und „Identifikationsangebote“ wegzulassen und direkt der Frage nachzugehen: „In welcher Weise spiegelt sich das Werden von 'Gemeinde' im Text wider?“ So kann auch der oben aus S. 58 und 78 zitierte Fragekanon („Leben im globalen Raum“ etc.) festgehalten werden, der mir äußerst hilfreich zu sein scheint.

5.
Eine Frage, die für die Notwendigkeit des Buches spricht

Ich habe allerdings eine noch grundsätzlichere Frage, die vielleicht viel weniger an die Autorin und das Projekt als an diejenigen sich richtet, für die es gedacht ist: Braucht es zu „Leitlinien pastoralen Handelns“ wie: „unterschiedliche Zugänge als solche zu sehen und ernst zu nehmen“ (S. 144), „grundlegende Anerkennung der Sichtweisen, Begabungen und Beiträge sowohl der Vermittler/innen wie auch der 'Akteure' vor Ort“ (S. 145), „jene Orte aufzusuchen, an denen menschliche Existenz ungeschminkt Ausdruck findet“ (ebd.) und „für das Recht derer einzutreten, die übersehen sind“ (S. 146), wirklich einer aufwändigen biblischen Begründung? Ich fürchte, dass es so ist, halte das aber zugleich für ein ekklesiales Armutszeugnis. Vielleicht wäre daher die allererste Frage eines Pastoralteams nach der Erarbeitung der Stufe 1: „Wer waren, etwa in persischer Zeit, diejenigen, die festen Glaubens waren,  dass Gott in dieser Welt zu wirken mag? Und wer tut dies in unserem Team?“ Meine Erfahrung lehrt: Gerade bei der zweiten Frage sind schnelle Antworten alles andere als selbstverständlich!

6. Zum NT-Teil

Die letzte Bemerkung sieht übrigens bei der Auswertung der neutestamentlichen Perikope nicht wesentlich anders aus, wenn als „Leitlinien pastoralen Handelns“  unter den Überschriften „1. Pastoral unter Freunden“, „2. Pastoral der offenen Türen“, „3. Pastoral der Kundschafter“ und „4. Pastoral der Aufmerksamkeit“ (S. 185f.) u. a. biblisch eingefordert wird, „Menschen unterschiedlicher Prägung zu integrieren, sich auf ihre Lebenswelt einzulassen und ihnen nicht vorschnell mit Antworten zu begegnen, sondern sie in erster Linie in ihrer Suche zu begleiten“ (S. 185), „Zugang auch für die im Glauben Fernstehenden zu ermöglichen“ (S. 186).
Methodisch allerdings sind die am Beispiel des Hauptmanns von Kafarnaum (Lk 7,1-10) durchgeführten Schritte zur Erarbeitung der drei Dimensionen wesentlich leichter, was in der Natur der Sache liegt: Während im NT erzählte Zeit (Zeit Jesu) und der für die Erarbeitung der Rezeptionszeit (Dimension 2) vorausgesetzte Ausgang des ersten christlichen Jahrhunderts nah beieinander liegen und durch die römische Vorherrschaft verbunden sind, trennen in 1 Kön 17 die erzählte Zeit des 9. Jh. v. Chr. (Prophet Elija und König Ahab) und die Perserzeit (ausgehendes 6. bis 4. Jh. v. Chr.) Jahrhunderte und Welten voneinander.

7. Ein Vorschlag zur Erleichterung

Vielleicht sollte man sich deshalb beim AT, wenn man schon auf die Perserzeit hinaus will, zum Zwecke der Plausibilisierung Texte nehmen, die auch wirklich aus dieser Epoche stammen (als Erzähltexte nennt Verf. selbst Rut und Jona; auch das Buch Nehemia wäre zu nennen, auf dessen 8. Kapitel Christiane Koch S. 135 ausdrücklich verweist). Dies wäre für's Erste einfacher als die Wahl von 1 Kön 17 als Perikope aus dem Elija-Zyklus, von dem die Verfasserin mit dem Alttestamentler Erhard Gerstenberg annimmt, dass bei aller „komplexen Überlieferungsgeschichte“ „die hervorstechenden Züge ihres Bildes aber nicht in die alte Königszeit, sondern in die Periode des Zweiten Tempels gehören“ (S. 60). Diese recht junge These zur perserzeitlichen Imprägnierung auch des Elijatextes, die sich einreiht in den augenblicklichen Megatrend der Spätestdatierung alttestamentlicher Texte, mag ja der Fachfrau sofort einleuchten. Letztlich aber bleibt die Voraussetzung so hypothetisch wie andere Entstehungshypothesen zum AT auch und der Umgang mit ihr verlangt viel exegetisches Handwerk. So macht sie es den in der Pastoral stehenden Anwendern des Methodenbuches m. E. unnötig schwer und wirkt ein wenig dem entgegen, was eigentlich ein gar nicht zu überschätzender Beitrag des Methodenbuches ist: endlich einmal wegzukommen bei der Auseinandersetzung mit der Hl. Schrift von der so oft anzutreffenden Beschränkung auf das Neue Testament - meistens sogar auf die Evangelien – und die Bibel in ihrer Ganzheit heranzuziehen, also auch mit ihrem sehr viel umfangreicheren ersten Teil, der der Kirche gleichermaßen als Gottes Wort gilt wie der zweite.

8. Ein unverzichtbares Buch

Trotz meiner kritischen Anmerkungen, die andere vielleicht überhaupt nicht teilen, bin ich aber in jedem Fall wirklich froh und begeistert, dass endlich mit einem methodischen Grundlagenwerk Heilige Schrift nicht nur als Offenbarung und auch nicht nur als ethische Anweisung, vielleicht als Stärkung und Trost gelesen wird, als Ermutigung im Glauben oder als Darlegung der Heilsgeschichte Gottes mit der gesamten Schöpfung, sondern als Maßgabe pastoralen Handelns der Kirche in einer Zeit, in der genau dieses Handeln mehr Gegenstand der Frage als fertiger Antworten ist. Dieser Maßgabe nachzuspüren gibt bei kreativem Gebrauch die Methode genügend an die Hand. Es wird spannend werden, sie an immer anderen Texten des AT und NT zu erproben. Ich selbst werde bald damit beginnen.

Anmerkungen:

Koch, Christiane M.: Methode 3D. Die Bibel als Orientierung in Zeiten pastoralen Umbruchs. Grundlagen - Anwendungen - Beispiele. Ostfildern 2018. ISBN 978-3-7966-1720-1. Weitere Materialien zum Download: www.methode-3.d.de.

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