Pastoralblatt für die Diözesen

Aachen, Berlin, Hildesheim,

Köln und Osnabrück

Juni 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

„Nach der Erstkommunion ist vor der Erstkommunion“. Dieser Satz behält Jahr für Jahr seine Richtigkeit, und er rechtfertigt auch, dass schon im Monat Juni wieder das Thema „Erstkommunion“ im Pbl erscheint. Wie die Vorbereitung darauf in unserer Zeit noch wirkungsvoll geschehen kann, darauf hat niemand die Patentantwort. Für Prof. Dr. Patrik C. Höring, Mitarbeiter im Institut für Kinder- und Jugendpastoral im Erzbistum Köln „Religio Altenberg“, ist aber auf jeden Fall ein Zusammenspiel von Kindern, Eltern und Gemeinde, die sich alle drei jeweils als Lernende verstehen und erfahren, unabdingbare Voraussetzung.
Sehr zutreffend übersetzt die revidierte Einheitsübersetzung von 2016 in Mi 6,8 als eine der drei von jeher eingeforderten Grundhaltungen nicht mehr „in Ehrfurcht den Weg gehen“, sondern „achtsam mitgehen mit deinem Gott“. Dieser Vers darf als so etwas wie die Magna Charta der biblischen Achtsamkeit gelesen werden, die auch im Zentrum der Ausführungen von Msgr. Dr. Martin Patzek steht. Ausgehend von der Bartimäus-Perikope beleuchtet er Achtsamkeit im biblischen Sinne als seelsorglich-pastorale Grundtugend. Der Autor ist Caritaswissenschaftler und Priester des Bistums Essen.
Es passt, wenn Msgr. Patzeks Ausführungen aus dem Kontext von Klinik-Gesprächen erwachsen sind, dass der Folgeartikel in den Bereich der Hospizseelsorge gehört. Wo sonst, wenn nicht hier, dürfte Achtsamkeit das oberste Gebot sein. Dabei scheint schwer damit vereinbar das komplexe Thema Sterbehilfe. Der Frage auszuweichen kann ebenso wenig eine Lösung sein wie allzu vorschnelle Antworten. Die Diskussionen eines Studientages verschiedenster betroffener Kategorialseelsorger(innen) aus dem Bistum Aachen sowie der „Euregionalen ökumenischen Konferenz“ 2018 in Wittem/Niederlande präsentiert Dr. Christina Kumpmann, u. a. Referentin für Seelsorge im Gesundheitswesen im Generalvikariat Aachen.
Das soeben gefallene Stichwort „Ökumene“ leitet über zum letzten Artikel aus der Feder von Prof. Dr. Elmar Nass, Leiter des Wilhelm Löhe Ethikinstituts in Fürth und Priester des Bistums Aachen. Aus einer ethischen Betrachtung des Phänomens der Heiligkeit schlägt er Kapital für eine Heiligenbetrachtung, die katholisch wie evangelisch in ökumenischer Gemeinsamkeit verantwortbar und möglich is

Ihr

Gunther Fleischer

Artikel des Monats

Christina Kumpmann

Kirche und Sterbehilfe im Dreiländereck mit Belgien und den Niederlanden

1. Das Bistum Aachen im Dreiländereck

Das Bistum Aachen – und noch mehr die Stadt Aachen – befinden sich geographisch genau im „Dreiländereck“ mit Belgien und den Niederlanden. Mit einer Entfernung von 2 km Luftlinie zur niederländischen und 5km zur belgischen Grenze befindet sich auch „Haus Hörn“ in Aachen, das älteste Hospiz Deutschlands, in „spannender“ Nachbarschaft, denn beide Länder haben seit nun mehr als 15 Jahren die liberalsten Gesetzgebungen der Welt zur Sterbehilfe.
Angesichts der Nähe von Aachen zu den Niederlanden und zu Belgien stellte sich mir die Frage, wie die Kirche(n) in den beiden Ländern mit der Situation umgehen – wie haben sich die Bischöfe positioniert? Was bedeutet die Liberalität bei der Sterbehilfe für die Seelsorge, zumal in der Krankenhausseelsorge? Und mit Blick auf die Seelsorge im Bistum Aachen: Wie beeinflusst diese Nachbarschaft die Hospiz- und Krankenhausseelsorge bei uns?

Kirche und Sterbehilfe

Das Verhältnis der Kirche zum Bereich der Sterbehilfe im umfassenden Sinne war in den vergangenen Jahrzehnten sehr unterschiedlich. Nach zunächst deutlicher Ablehnung ist die Hospizbewegung inzwischen kirchlich hochgeschätzt, von ihr wird als einer „Fremdprophetie“ für die Kirche gesprochen. Ähnlich hat auch die Palliativmedizin von Seiten der katholischen Kirche zunächst deutliche Ablehnung erfahren. In der Enzyklika Evangelium Vitae von 1985 ordnete Papst Johannes Paul II. neben der Handlung auch die Unterlassung einer Handlung als „Euthanasie im eigentlichen Sinne“ ein und lehnte damit die Grundlage der Palliativmedizin mit ihrer Abwägung hinsichtlich sinnvoller oder nicht-sinnvoller Therapieversuche ab. 30 Jahre später zeigen Vertreter der beiden großen Kirchen in Deutschland angesichts der Entscheidung des Bundestags am 5. und 6.11.20151 eine andere Sicht auf das Thema und urteilen zufrieden: Die Bundestagsabgeordneten hätten „ein starkes Zeichen für den Lebensschutz und damit für die Zukunft unserer Gesellschaft und ihren Zusammenhalt gesetzt“.2

Im Verlauf eines Jahres hat der Arbeitskreis Hospiz des Bistums Aachen mehrere Gespräche mit Kirchenvertretern aus den Nachbarländern geführt und als Folge daraus im November 2017 einen Studientag für die Krankenhaus-, Psychiatrie-, Hospiz- und Behindertenseelsorger(innen) im Bistum Aachen durchgeführt. Zudem hat sich die jährlich stattfindende „Euregionale ökumenische Konferenz“ im April 2018 in Wittem (NL) mit diesem Thema auseinandergesetzt. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Erfahrungen und über Gesprächsergebnisse dieses Jahres. Selbstverständlich erhebt er nicht den Anspruch, alle Aspekte dieses Themas behandeln zu können. Es handelt sich um eine Zusammenfassung von Gesprächen mit Menschen, die weitgehend subjektiv von ihren Erfahrungen und Eindrücken zu diesem Thema berichtet haben.

Gesprächspartner

Aus den beiden Nachbarländern haben sich Personen mit unterschiedlichen Berufen und damit auch ganz unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema als Gesprächspartner gefunden. Von belgischer Seite waren vom Bistum Lüttich Caroline Werbrouck (Seelsorgerin im Uniklinikum Lüttich und bischöfliche Delegierte für die Krankenhausseelsorge), Fina Keifens (Krankenhausseelsorgerin in Eupen und Bischöfliche Delegierte für die deutschsprachige Gemeinschaft) sowie Altbischof Aloys Jousten an den Gesprächen beteiligt. Außerdem hat die Anästhesistin und Palliativmedizinerin Dr. Ursula Wetzels von ihrer Erfahrung berichtet. Aus den Niederlanden hat sich Hub Vossen, Pastoraler Mitarbeiter im Bistum Roermond, beteiligt.

Bei der „Euregionalen Ökumenischen Konferenz“ im April 2018 war das berufliche Spektrum der Referenten und Gesprächspartner mit Vertreter(innen) aus Palliativmedizin und -pflege, Moraltheologie, Politik und Hospizseelsorge aus drei Ländern und zwei Kirchen noch weiter. Die Konferenz zu diesem Thema ist mit 100 Teilnehmern auf Interesse bei einem ungewöhnlich großen Kreis aus kirchlichem Haupt- und Ehrenamt gestoßen. Darin dokumentiert sich großer Bedarf nach Information und Austausch.

2. Hintergründe

Begriffe und Gesetze

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe steht stets vor der Schwierigkeit, dass die Begrifflichkeit unscharf ist. Schon die Benennung ist vage: „Sterbehilfe“ ist unscharf, da sowohl „Hilfe beim Sterben“ als auch „Hilfe zum Sterben“ gemeint sein kann. Der im Niederländischen und Französischen verwendete Begriff „Euthanasie“ (guter Tod) ist durch die deutsche Geschichte stark belastet und enthält eine möglicherweise nicht gewollte Wertung.

Die Begriffsschwierigkeiten sind wohl auch darauf zurückzuführen, dass in der Praxis in diesem Feld die Übergänge häufig fließend sind. So verläuft etwa die Grenze zwischen Palliativmedizin und aktiver Sterbehilfe entlang der Absicht des Handelnden und ist damit nicht objektiv nachvollziehbar. Fast jede Diskussion dieses Themas dreht sich in großen Teilen um die Begriffsdefinitionen. Im Folgenden ist die Begrifflichkeit insofern zweitrangig, als für die skizzierten Fragestellungen nicht die exakten Abgrenzungen und rechtlichen Vorgaben entscheidend sind, wenn es um die Frage nach Auswirkungen und der kirchlichen Praxis geht. Es ist deshalb auch weder möglich noch nötig, die Gesetzeslagen im Detail nachzuzeichnen. Es genügen einige grobe Linien:

In den BeNeLux-Ländern (Belgien und Niederlande seit 2002; Luxemburg seit 2009) ist im Unterschied zu den anderen europäischen Ländern und bis auf wenige Ausnahmen weltweit die Tötung auf Verlangen straffrei. Die Konstruktion ist rechtlich analog zur Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch in Deutschland: die Handlung ist nicht „erlaubt“, bleibt aber unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Die komplizierteste und am meisten diskutierte Regelung stellt in der belgischen Gesetzgebung die „Vorgezogene Willensbekundung“, für den Fall, dass jemand für einen möglichen Krankheitsverlauf Vorsorge treffen will, dar. Über diese Regelungen, die über eine Patientenverfügung hinausgeht, gibt es auch in Belgien selbst ausufernde Erwartungen und unreale Vorstellungen.

Assistierter Suizid ist die Tätigkeit im Feld der Sterbehilfe, der in Deutschland 2015 neu geregelt wurde. Im Rahmen eines langen Meinungsbildungsprozesses hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, wonach diese Form der Beihilfe zur Selbsttötung nur unter bestimmten Voraussetzungen (keine Geschäftsmäßigkeit, nicht auf Wiederholung angelegt) legal ist.

Formen passiver Sterbehilfe, ggf. auch die Inkaufnahme von Lebensverkürzung durch palliative Therapie, ist in den genannten Nachbarländern wie in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen möglich.
Die nicht zuletzt begrifflichen Schwierigkeiten und Ungenauigkeiten verkomplizieren die öffentliche Debatte. Bemerkenswert ist zudem, dass nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Ländern selber, häufig falsche Vorstellungen von den gesetzlichen Möglichkeiten in den BeNeLux-Ländern herrschen. So gibt es etwa – entgegen der allgemeinen öffentlichen Meinung – kein Recht auf Euthanasie: Ärztinnen und Ärzte sind nicht dazu verpflichtet, dem Willen des Patienten nachzukommen. Auch für den Bereich der Tötung auf Verlangen gibt es häufig kein Wissen darüber, wie eng reglementiert er ist.

Diese mangelnde Information über Grenzen und Möglichkeiten (was z.B. die deutsche Rechtsprechung ermöglicht) führt zu einer merklichen Verzerrung der Debatte. So sorgte etwa die Auskunft des Vertreters der (deutschen) Politik bei der Euregionalen Ökumenischen Konferenz, dass Beihilfe zum Suizid in Deutschland grundsätzlich nicht strafbar ist (und sich diesbezüglich die Ärzte in ihrem Standesrecht engere Grenzen setzen), für Erstaunen in der Runde der Zuhörer. Eine bessere Information und Sicherheit in der Anwendung der Gesetze, die der anwesende Palliativmediziner auch bei seinen Standeskollegen für nötig hält, ist dringend geboten, um die Debatte zu verobjektivieren.

Ausweitung

Die Entwicklungen seit der Gesetzgebung im Jahr 2002 in den Nachbarländern zeigen, dass die Diskussion damit nicht beendet ist. Es wird deutlich, dass sich auch bei so vermeintlich klarer Regelung wie dort immer wieder Anschlussfragen stellen. So steht (bzw. stand) die Altersgrenze zur Disposition: Ab welchem Alter ist ein Mensch in der Lage, für sich zu entscheiden? Zudem gab es verschiedene Vorstöße zur Ausweitung der Grundindikation – wie sind psychische Krankheiten, Demenz oder Suchtkrankheiten zu bewerten? In den Niederlanden gibt es die Diskussion um den Begriff des „vollendeten Lebens“, wonach auch an sich gesunden Menschen, die ihr Leben als vollendet betrachten, die Euthanasie ermöglicht werden soll.

Mit steigenden Nachfragezahlen und der Ausweitung der gesetzlichen Möglichkeiten sehen viele die Sorge vor der sogenannten „schiefen Ebene“3 Realität geworden.

Die deutsche Geschichte ...

In den Gesprächen ist deutlich geworden, wie sehr die geschichtliche Erfahrung, die skandalös-euphemistisch so genannten „Euthanasie“-Programme der Nationalsozialisten und die Vergehen von Ärzten in dieser Zeit, die Haltung in Deutschland (noch?) bestimmt. Wenn man vom Bild der schiefen Ebene spricht, ist Deutschland – anders als die Nachbarländer – davon geprägt, dass hier die Erfahrung des Abgrunds, des Missbrauchs des Bedürfnisses nach „würdigem“ Leben gemacht worden ist. Es ist eben nicht (mehr) unvorstellbar, dass es zum Schlimmsten kommen kann.

 

Ängste und Nöte der Menschen

Als Grund für die Frage nach (aktiver) Sterbehilfe sind in allen Gesprächen im Wesentlichen drei Ängste genannt worden, die die Betroffenen ausdrücken: Angst vor Schmerzen, Angst vor Einsamkeit und Angst davor, völlig von anderen Menschen abhängig zu sein und die Selbständigkeit zu verlieren. Grundlegend für die Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema Euthanasie ist, diese Ängste ernstzunehmen und nicht zu unterstellen, dass die Betroffenen es sich „nur“ leicht machen wollten. Die Dramatik ihrer Situation wird etwa darin deutlich, dass die Betroffenen ihre Situation nicht als „Ich will sterben“, sondern „Ich will so nicht mehr leben.“ beschreiben würden.

Auch mit Blick auf die Mediziner in diesem Bereich gilt es, nicht Verantwortungslosigkeit zu unterstellen. Dr. Ursula Wetzels beschreibt ihre eigene berufliche Erfahrung damit, dass sie als Ärztin eindeutig angetreten ist, um Leben zu retten. Bei der Gesetzesänderung im Jahr 2002 habe sie noch gesagt, dass sie niemals Euthanasie durchführen würde. Und dennoch habe sie inzwischen Menschen in Situationen kennengelernt, in denen sie anders entschieden habe. Diesen Prozess in aller Offenheit zu begleiten, gehöre zu ihrer Verantwortung als Medizinerin. Sie habe gelernt, dass es nicht genüge, sich für oder gegen Sterbehilfe auszusprechen – so oder so sei die Herausforderung, den individuellen Situationen gerecht zu werden.

3. Kirchliche Praxis

„Katholiken tun das nicht!“?

Die Gesprächspartner aus den beiden Nachbarländern berichteten, dass es in den Kirchenleitungen beider Länder die Vorstellung gebe bzw. gegeben habe, dass die gesellschaftliche Diskussion um die Euthanasie-Gesetzgebung die katholische Kirche insofern nicht berühre, als dass – nicht zuletzt wegen des Verbots durch die Bischöfe – Euthanasie für Katholiken ohnehin keine Option sei. Hub Vossen beschrieb seine Befürchtung, dass sich damit Teile des Episkopats der gesellschaftlichen Realität verschlössen und der Diskussion aus dem Wege gingen.

Im Bistum Lüttich sind die Krankenhausseelsorger(innen) dieser Vorstellung entgegengetreten.  Sie gingen auf die Kirchenleitung zu und machten deutlich, dass es in der Nachfrage nach Euthanasie keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Christen bzw. Katholiken und Nicht-Christen gebe. Die Vorstellung, dass diese Frage für Katholiken keine Relevanz hätte, beschrieben sie aus ihrer praktischen Erfahrung im Umgang mit schwerkranken Menschen als realitätsfremd.
Als Diözesanbischof war Aloys Jousten 2002 an der gesellschaftlichen und politischen Debatte beteiligt. Für die Kirche sei die Überzeugung richtungsweisend, dass das Leben ein Wunder sei. Das werde bei Geburt von Kindern so erlebt, gelte aber bis zum Tod. Diese Wunderbarkeit des Lebens sei der Grund dafür, dass es nicht möglich erscheint, dass der Mensch bzw. die Gesellschaft in das Leben eingreifen. Er erklärte den Ansatz der kirchlichen Stellungnahmen: „Das Ja zum Leben ist so stark, dass wir das Nein zur Euthanasie sagen müssen.“ Andererseits sei ihm bewusst, dass die Gesellschaft dem „Nein“ der Kirche zur Euthanasie ein „Aber“ entgegensetze. Bischof Jousten kritisierte den Versuch, der Debatte mit Verweis auf die kirchliche Autorität zu entgehen: Die Zeit kategorischer Setzungen des Lehramts sei vorbei – die Anliegen müssten nachvollziehbar sein, existenziell in Worte gebracht und vermittelt werden. Die Kirche könne der Frage nicht aus dem Weg gehen, sondern müsse stattdessen lernen, mit veränderten Situationen umzugehen. Das bedeute nicht, dass die Grundlage und die Grundanliegen sich verändert hätten.

Theologische Reflexion

Angesichts dieser Hintergründe wurde im Bistum Lüttich schon vor der Gesetzesveränderung im Jahr 2002 mit der Reflexion über die kirchliche Position und den Folgen für die Praxis begonnen. Die als bischöfliche Delegierte für die Krankenhausseelsorge im Bistum Lüttich Verantwortliche Caroline Werbrouck beschrieb den Ausgangspunkt ihrer Überlegungen anhand des Begriffs „Grenze“. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen seien überzeugt, dass mit der Euthanasie eine Grenze überschritten werde. Ihnen sei ein wichtiges Anliegen, daran festzuhalten, dass sie keine Lösung wie andere sei. Andererseits seien sie der Überzeugung, dass Gott grenzen-los sei.

Als eine zentrale Entdeckung in der theologischen und pastoralen Reflexion und für die Meinungsbildung in der Gruppe der Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorger benannte sie die Abhandlung von Dominique Jacquemin4, „Bioéthique, médecin et souffrance. Jalons pour une théologie de l'échec“ (Bioethik, Medizin und Leiden. Meilensteine für eine Theologie des Scheiterns). Der Autor stelle darin die Frage, ob die Kirche, wenn sie eine Gesellschaft kritisiere, die Leistungsfähigkeit, Schönheit, Jugend und Ablehnung von Scheitern propagiere, nicht selbst einen anderen Umgang mit dem Scheitern finden müsse. Ob sie nicht, wenn sie die Schranken selbst auch sehr hoch anlege, ebenfalls als herablassend, perfektionistisch und belehrend erscheinen würde. Er frage, ob Gott anders zu denken sei als das absolut Gute – und ob er nicht auch die Menschen erreichen könne, die (im ethischen Sinne) gescheitert seien? Nach Jacquemin gehe Gott ein Wagnis mit den Menschen ein mit dem Risiko des Scheiterns. Er schließe niemandem in seinem Scheitern ein, sondern behalte den Menschen gegenüber eine Haltung der Offenheit. Durch Christus gehe Gott vor der Erlösung durch das Scheitern und den Tod. Das Scheitern sei demnach im Christentum zwar angesichts des Heils nur vorläufig, müsse aber dennoch benannt und ertragen werden. Gott halte sich nicht nur im absolut Guten auf, sondern suche den Menschen dort, wo dieser sich befinde.

Die Überlegungen der Lütticher Krankenhausseelsorger(innen) konzentrierten sich auf den Karsamstag. Sie plädierten dafür, nicht der Versuchung zu erliegen, zu schnell vom Karfreitag zum Osterjubel überzugehen. Der Karsamstag als Tag der Stille, des Schweigens und der Angst sei ein Herzstück des Christentums. Damit habe die Situation vieler Menschen, zumal vieler kranker Menschen, die Erfahrung des Abgrunds. Diese sei der christlichen Tradition nicht nur nicht fremd, sondern habe darin einen festen Ort. Die Seelsorger(innen) sähen es als ihre Aufgabe an, in dieser Situation präsent zu sein und zu bleiben, nicht trotz, sondern wegen der Ohnmacht vor der Situation, die vermutlich nicht nur sie spürten.

Seelsorge - „Niemand wird alleine gelassen.“

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen sind die in der Pastoral des Bistums Lüttich Tätigen in Abstimmung mit ihrem Bischof (sowohl Bischof Jousten wie auch seinem Nachfolger Bischof Delville) zu der Überzeugung gekommen, dass die Begleitung auch von Menschen, die für sich die Euthanasie planen, geboten ist. Niemand solle von der Krankenhausseelsorge ausgeschlossen werden.

Dabei sind sich die Akteure durchaus der Spannung bewusst, in die sie sich hineinbegeben, wenn sie Begleitung anbieten, gleichzeitig aber kirchlich und persönlich eine andere Position vertreten. Die Krankenhausseelsorger, die in der Praxis Menschen begleitet haben, die nach Euthanasie fragten, hätten sich dennoch „am richtigen Ort“ gefühlt.

Das Thema Euthanasie stelle die Seelsorger vor die Grundfrage der Seelsorge: Was bedeutet es, Menschen zu begleiten? Die Frage wird im Kontext der Euthanasie zugespitzt: In einer entscheidenden Situation treffen hier verschiedene Haltungen aufeinander. Wie geht seelsorgliche Begleitung mit Entscheidungen um, die sie nicht befürwortet? Die Lütticher Seelsorger sind zur Überzeugung gelangt, dass Begleitung nicht mit Gut-heißen gleichzusetzen ist, das Begleitung nicht automatisch Zustimmung bedeutet. Seelsorge habe den Auftrag, zu begleiten. Die pastorale Haltung ermögliche es, Gastfreundschaft und christliche Identität, Dezentrierung (im Sinne des Respekts für den anderen) und Respekt für sich selbst sowie Liebe und Wahrheit zusammenzuführen. Die Aufgabe sei, zu diesem „und“ fähig zu werden und so etwa in aller Entschiedenheit der Ablehnung der Euthanasie Gastfreundschaft für die Patienten und ihre Familien mit allen Aspekten des Lebens zu pflegen. Mit dem Anspruch, Fragen zuzulassen und gleichzeitig die kirchliche klare Position zu vertreten, verbindet sich das „Hineingehen in die Ambivalenz und Komplexität.“ Nur das aktive Zugehen auf die Fragen der Patienten biete die Möglichkeit, auch für den Patienten den Prozess offen zu halten: „Wenn die Kranken spüren, dass wir ihre Fragen annehmen – auch ohne Zustimmung -, stellen viele selber fest, dass ihre Frage nach Euthanasie nicht im Einklang mit ihrem Glauben steht“ (Werbrouck).

4. Die Spannung halten

Mit der Frage der Sterbehilfe steht die Kirche unbestritten in einer Dilemma-Situation; einerseits wird eine klare Position gegen die Sterbehilfe bezogen, andererseits besteht der Anspruch, Menschen in Notsituationen zu begleiten und nicht zu verlassen. Damit ergibt sich der Konflikt, nicht durch die Begleitung eine Zustimmung zu signalisieren.

Teile der niederländischen Bischofskonferenz sehen sich gezwungen, im Dienste der entschiedenen Position gegen die Euthanasie den Betroffenen die kirchliche Beerdigung zu verwehren.5 Hub Vossen sieht in dieser kirchlichen Stellungnahme, die allein auf ein autoritatives Verbot setze, eine große Hilflosigkeit angezeigt. Damit sei die entscheidende Frage nicht geklärt: „Wie sind unsere Bezüge zu einsamen Menschen?“

Alle Seelsorgerinnen und Seelsorger berichteten, dass die Wahrnehmung der ausschließenden Haltung der Kirche zu „Versteckspielen“ führt. Sowohl in den Krankenhäusern als auch in der Gemeindepastoral würden dann Seelsorger gerufen und nicht über die wahre Situation informiert. Auch das Verbot der kirchlichen Beerdigung für Menschen, die Euthanasie in Anspruch genommen haben, führe dazu, dass das den entsprechenden Pfarrern verschwiegen werde. Diese Folge aus dem Versuch, sich entschieden und abgrenzend zu verhalten, wird letztlich als für keine Seite zufriedenstellend erlebt.
Die Erfahrung mit diesen Folgen für die Praxis hat für die Krankenhausseelsorge in Lüttich zu einer Veränderung in der Kommunikation geführt: Während zunächst die Vorgabe war, die Betroffenen zwar zu begleiten, dies aber diskret zu tun, ermutigt Bischof Delville inzwischen dazu, besser offen darüber zu sprechen, dass und wie die Seelsorge begleitet.

Gerade für die Tätigkeit im Krankenhaus ist die Zusammenarbeit mit den anderen Diensten (Medizin, Pflege, Sozialdienste etc.) unabdinglich. Dabei dürfe nicht der Eindruck erweckt werden, dass für die Seelsorge die Euthanasie „okay“ sei: es bedürfe eines nuancierten Gesprächs mit den anderen Teammitgliedern im Krankenhaus. Die Seelsorgerinnen und Seelsorger stehen vor der Herausforderung, sich nicht instrumentalisieren zu lassen: „Wir sind da, die Not und die Angst trotz der Ambivalenz und Komplexität auszuhalten und aufzufangen; nicht, um zu beruhigen“ (C. Werbrouck).

Die Aufgabe der Seelsorge ist dabei unter anderem, hinter der schockierenden Euthanasie-Anfrage die spirituelle Anfrage zu hören; die Patienten in der Suche und der „Revolte“ gegen Gott und gegebenenfalls auch die Kirche auszuhalten und ernstzunehmen. Dazu gehört, die Not der betroffenen Menschen, die hinter der Bitte um Euthanasie stehe, nicht als Leichtfertigkeit abzutun. Die Erfahrung zeige, dass Menschen, die um Euthanasie bitten, nicht unbedingt strikte Befürworter der Euthanasie sind, aber ihre Situation offen benennen: „Jetzt stehe ich dennoch hier.“

Überhaupt in diesem Feld aktiv zu werden und sich nicht der Diskussion zu entziehen, birgt die Gefahr, nicht (mehr) entschieden positioniert wahrgenommen zu werden. Dennoch sind die Seelsorger in Lüttich zu der Überzeugung gekommen: „Wir ziehen es vor, die Menschen zu begleiten – mit der Gefahr, dass wir uns 'die Hände schmutzig machen'“ (Werbrouck).

5. Die Ebene beachten

Eine Erkenntnis in der Diskussion bezieht sich auf die verschiedenen Rollen, die es einzunehmen gilt bzw. die Ebenen, die zu beachten sind.

Inhaltlich ist auffällig, wie stark der Austausch zu diesem Thema von persönlichen Erfahrungen und einzelnen Schicksalen geprägt ist (ungewöhnlich stark auch in der Bundestagsdebatte). Bischof Jousten wies im Gespräch daraufhin, dass es auch eine Verführung sein könne, von den Einzelsituationen auf die Aufgabe des Gesetzgebers zu schließen. Für die politischen und gesellschaftlichen Prozesse müssten möglicherweise andere Prinzipien leitend sein als für die individuelle Entscheidungsebene. Diese Unterscheidung der Ebenen ermöglicht, die individuelle Situation ernstzunehmen und Entscheidungen zu respektieren oder nachvollziehen zu können, dennoch gleichzeitig daran festzuhalten, dass politisch andere Entscheidungen getroffen werden müssen, um das gesellschaftliche Klima anders zu prägen.

Auch Hub Vossen, der sich mit Blick auf die niederländische Gesellschaft durchaus kritisch und besorgt äußerte, betonte seine Zurückhaltung mit der Bewertung der persönlichen Entscheidung in einer solchen Situation, solange man nicht selbst darin stehe. Auch diese Zurückhaltung gehöre zur Ehrlichkeit.

„Zur Last fallen“ - gesellschaftliche Solidarität

Die gesellschaftliche Entwicklung in den Niederlanden sieht Hub Vossen sehr kritisch. Die Herausforderungen für die alternde Gesellschaft sind die gleichen wie in Deutschland, was z.B. die Kosten für Pflege und Medizin betrifft. Er befürchtet nur, dass etwa die öffentliche Diskussion um diese Punkte in den Medien in den Niederlanden von Betroffenen völlig anders gehört werde. Der Eindruck, als Pflegebedürftige für die Gesellschaft zu teuer zu sein, drängt sich auf. Es ist zu befürchten, dass damit ein zunehmender gesellschaftlicher Druck einhergeht. Eines der am häufigsten genannten Argumente für die Sterbehilfe ist von Betroffenen, dass sie anderen „nicht zur Last fallen“ wollen, was sowohl im persönlichen, familiären Bereich eine Herausforderung darstellt als auch gesellschaftlich.

Die christliche Haltung muss sich an der schwächsten Gruppe orientieren und für diese Partei ergreifen. Wird in einem solchen gesellschaftlichen Klima die Solidarität mit Kranken, Alten, Pflegebedürftigen oder sonst wie Abhängigen und auf Solidarität Angewiesenen in Frage gestellt, muss ihnen die Parteilichkeit gelten. In der Euthanasie-Diskussion bedeutet das auch, sich gegen die Ursache für diesen Druck zu wenden: Im Namen der schwächeren, benachteiligten Gruppe kann das bedeuten, die Selbstbestimmungsfreiheit derjenigen, die wirklich zu deren freien Ausübung fähig werden, einzuschränken und so die Solidarität zu schützen.

Das theologisch begründete politische Bekenntnis zur Solidarität mit den Schwachen führt zur Verantwortung, diese Solidarität auch zu praktizieren. Der Ansatz kirchlicher Stellungnahmen, diesen Prozessen mit Verboten entgegenzuwirken, nimmt weder die kirchliche Verantwortung noch ihre Möglichkeiten ernst. Aufgabe muss demgegenüber sein, durch das eigene Handeln Kontrapunkte zu setzen – etwa im Bereich der caritativen Arbeit sowie in der seelsorglichen Unterstützung der Betroffenen.

6. Perspektiven für Deutschland

Zusammenfassen lassen sich die Erfahrungen aus den Gesprächen folgendermaßen:

Eine verantwortliche Diskussion erfordert Information – auch Informiertheit. Es ist erstaunlich, wie viel Unklarheit und auch (rechtliche) Unsicherheit für diesen Bereich besteht, und zwar in allen Ländern. Für Deutschland bedarf es auch deshalb weiterhin einer offenen gesellschaftlichen Diskussion und eines offenen Blicks in die Nachbarländer, weil auch dort die Gesetzgebung keineswegs ein Ausweg aus allen Dilemmata bietet, die die moderne Medizin mit sich bringt. Es besteht die Gefahr, dass diesbezüglich falsche Vorstellungen/Erwartungen die Diskussion verzerren.

Bischof Jousten beschrieb als Aufgabe der Kirche, das „Ja“ (zum Leben) hinter dem „Nein“ (zur Euthanasie) deutlich zu machen. Das ist anstrengender, als durch kategorische Setzungen der Debatte entgehen zu wollen, ist aber unerlässlich. Zudem muss sich die Überzeugung auch in der kirchlichen Praxis zeigen. Die Haltung ist unglaubwürdig, wenn in den kirchlichen caritativen Einrichtungen der Umgang mit Bedürftigen nicht der Sorge, eine „Last“ zu sein, entgegengetreten wird. Der Umgang mit den Nöten und Ängsten alter, kranker, behinderter Menschen muss diese Haltung in allen Dimensionen zeigen: körperlich, psychisch, sozial und spirituell. Je nach Situation ist die Aufgabe der Kirche mindestens, für die spirituelle Dimension Sorge zu tragen.

Angesichts der gesellschaftlichen Hochschätzung der Autonomie des Menschen überzeugt die bloße Absage an die Entscheidungsbefugnis des Menschen über sein Leben mit Verweis auf seine Geschöpflichkeit in kirchlichen Stellungnahmen viele nicht. Stattdessen muss deutlich werden, dass die Einschränkung dieser Freiheit im Namen des Lebensschutzes für die Schwächeren geschieht: um die Solidarität mit ihnen nicht zu riskieren.

Der Grad der Reflexion – theologisch und pastoral –, den wir bei den Vertretern aus den Nachbarländern erlebt haben, war beeindruckend. Dieser wurde auch deshalb erreicht, weil die Kirchenleitung z.B. im Bistum Lüttich zur offenen Diskussion angeregt und ermutigt hat. Die Fragen sind nicht „lösbar“ und der Umgang damit ist anstrengend und von Spannungen geprägt, die ausgehalten werden müssen. Dafür bedarf es der Ehrlichkeit: bezüglich eigener Überzeugungen und Grenzen von Seiten der kirchlichen Vertreter; bezüglich der Nöte von Menschen, für die ein kirchliches Verbot keine Lösung ist; und bezüglich der weiteren Entwicklungen, die dieses Thema nimmt. Caroline Werbrouck formulierte, man dürfe sich nicht in der Situation „einrichten“, sondern müsse „klarsichtig und unruhig“ bleiben.

Anmerkungen:

Der Bundestag verabschiedete ein Gesetz zur Neuregelung der Suizidbeihilfe, die kein generelles Verbot, aber u.a. Geschäftmäßigkeit verbietet. Am Tag zuvor war der Gesetzentwurf zur Stärkung der Hospiz- und Palliativversorgung verabschiedet worden.
Presseerklärung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, und die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Irmgard Schwaetzer https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/?tx_news_pi1[news]=2887.
„Argument der schiefen Ebene“ („Slippery-Slope-Argument“) oder auch Dammbruch-Argument bezeichnet die Warnung vor einer Handlung, da diese zum Dammbruch führe, d.h. unaufhaltsam immer weitere negative Konsequenzen zur Folge habe.
Dominique Jacquemin ist Dozent für Ethik, Priester, Krankenpfleger und Doktor der „santé publique“ („öffentlichen Gesundheit“; Fachgebiet der Medizin).
Eine aktuelle kirchenrechtliche Auseinandersetzung hat Michael Karger vorgelegt: Kirchliches Begräbnis trotz Euthanasie?: Eine theologisch-rechtliche Studie zum kirchlichen Auftrag „Tote begraben und Trauernde trösten“ (Erfurter Theologische Studien. Bd. 113).

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