Pastoralblatt für die Diözesen

Aachen, Berlin, Hildesheim,

Köln und Osnabrück

Dezember 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

mit dem neuen Jahr, zu dem ich Ihnen von Herzen Gottes Bewahrung und Segen wünsche, erscheint das Pastoralblatt in etwas verändertem Gewand. Da manche Überschrift nicht erahnen lässt, welcher Gehalt sich im zugehörigen Artikel verbirgt, werden nun drei Beiträge auf der Titelseite mit Haupt- und Untertitel angeführt. Die vollständige Inhaltsübersicht ist auf die Innenseite gerückt. Auch erschien es dem Beirat sinnvoll, zur besseren Voraborientierung der Einführung durch den Schriftleiter mehr Raum zu geben, den geistlichen Impuls hingegen knapper zu halten. Die Angaben zu den Autoren rücken fortan auf die Innenseite des Heftrückens.

Nun sei aber die Aufmerksamkeit gleich auf den ersten Artikel gelenkt. Generalvikariatsrat Dr. Christian Hennecke, Leiter der HA Seelsorge im Bistum Hildesheim, und PR Christiane Müßighaben in zwei Jahren alle 119 Pfarreien des Bistums besucht. Nicht Visitation, sondern Spurensuche – so könnte man das Ziel der Erkundungsreise betiteln, die die beiden in 15 Erfahrungen aufrichtig, keinesfalls entmutigt, sondern hoffnungsvoll zusammenfassen.

„Geistlicher Kulturwandel“ ist der Fokus einer von fünf Arbeitsgruppen, die das Erzbistum Köln im Rahmen des Pastoralen Zukunftsweges eingerichtet hat.  Woran ein solcher Kulturwandel aus der Ur-Kunde des Christentums, nämlich der Heiligen Schrift, Maß zu nehmen hat, dazu hat der Referent für Spiritualität im Generalvikariat Köln, Dipl. theol. Markus Roentgen, einen Initialimpuls verfasst, der durchaus auch außerhalb der Gruppe seine Gültigkeit hat.

Pfr. Dr. Reiner Nieswandt aus Hilden geht dem von Papst Franziskus angeprangerten Übel des „Klerikalismus“ nach und zeigt die Spannweite auf, wo überall in der Kirche „Entklerikalisierung“ angezeigt wäre.

Der Leiter des Referats Caritaspastoral beim Diözesan-Caritasverband im Erzbistum Köln, Dipl. theol. Bruno Schrage, zeigt die Konsequenzen der jüngsten Urteile des Europäischen Gerichtshofes bzgl. des Anforderungsprofils von Mitarbeiter(inne)n bei kirchlichen Trägern auf. Der neue, hohe Anspruch an christliche Träger lautet: „Für jeden Berufszweig … ist das christlich erwartbare Ethos durch konkrete Kompetenzen zu beschreiben“ (S. 19). 

Der emeritierte Ordinarius für Dogmatik an der Universität Bochum, Prof. Dr. Wendelin Knoch, widmet sich liebevoll der Gestalt des Zisterzienserabtes Bernhard von Clairvaux als geistlicher Begleiter – für heute!

Am Ende gibt es den überraschenden Einblick in die Frühgeschichte eines der Pastoralblatt-Bistümer: die sich an die französische Erstgründung anschließende preußische Zeit des Bistums Aachen, erschlossen durch ein Werk, das nach 70 Jahren endlich seinen Abschluss gefunden hat. Der Herausgeber Prof. Dr. Reimund Haas skizziert die Historie anhand der sechs Kapitel des Buches.

Eine anregende Lektüre zum Jahresbeginn wünscht Ihnen

Gunther Fleischer

Artikel des Monats

Markus Roentgen

-„Ein aufmerksames Ohr ist die Sehnsucht des Weisen“ (Sir 3,29)

Geistlicher Kulturwandel - oder wie könnte neues Vertrauen in Kirche gehen? - Einige Bemerkungen

Ein gewünschter Weg in neues Vertrauen, in mich selbst, in die anderen, in Gott braucht unbedingte Freiwilligkeit zum Mitgehen.

So, wie Gott niemanden zwingt, sollte es auch hier sein.

Dazu gehört auch die schmerzliche Bejahung, dass manche nicht mitgehen wollen.

Wie in Num 13 gibt es solche, die den Weg mitgehen, es gibt Unentschiedene, Zögernde, ängstlich Wartende, solche, die sich nach den „Fleischtöpfen Ägyptens" zurücksehnen. Und es sollte Kundschafter/innen geben, die mit voller Bejahung ins Neuland, ins Unbekannte gehen.

Ihr Bericht wird ggf. unerfreulich und angstvoll sein.

Vielleicht kommen aber auch solche aus den Unbekanntorten gegenwärtiger kirchlicher Räume zurück und bringen eine Traube.

Die Autorität der Leitung braucht hierzu ein Selbstverständnis, das dem Wortstamm von „Autorität" - von lat. „Augere" - entlehnt ist: „Den Anderen wachsen lassen", den Anderen, die Andere, die Anderen größer werden lassen.

Wenn dieses Vertrauen nicht da ist, dass die Leitung sich (auf allen Ebenen), im Mitgehen, los lässt ins JA zum Experiment, zum Neuland (Jer 4,3) unter dem Pflug, dann stirbt der Weg von oben her.

Jesu Wort: „Ich bin der Weg (die Straße), die Wahrheit und das Leben" (Joh 14, 6) zeigt doch auf, dass die Wahrheit gefunden wird zwischen Weg/Straße u n d Leben.

Dieses WIE ist immer wieder einzuüben in allen Prozessen des Beratens und Planens durch Unterbrechungen in Stille, gefülltem Schweigen, betendem Hören.

„Kürzeste Definition von Religion: Unterbrechung!" (Johann Baptist Metz)

Dieses Hörende ist kein Luxus, vielmehr zeigt sich darin das Spirituelle, dass nicht die eigene Idee den Vorrang hat, vielmehr das Hören des Wortes, das Hören auf Gottes unverfügbare Gegenwart, die wir nicht besitzen, niemand!

Das Beten Israels vergegenwärtigt sich das täglich. Es beginnt mit dem „Höre!".

„Und in dem ,Wie', da liegt der ganze Unterschied!" (Hugo v. Hofmannsthal, Der Rosenkavalier, 1. Akt)

Die, die den Weg mitgehen, vor Ort, in den Gemeinschaften, Einrichtungen, Gruppen und Verbänden, sind die primären Autorinnen und Autoren. Sie werden eingeladen, den Ort ihres Lebens wieder und wieder neu verstehen zu lernen, von da her, was die Menschen und sie selbst zutiefst ersehnen und brauchen - „Gott suchen in allen Dingen und Gott finden mit allen Sinnen" (Ignatius von Loyola).

Jesus fragt: „Was willst Du, dass ich Dir tun soll?" (Mk 10, 51)

Daraus das je Mehr (Magis) finden, getreu dem Wort Jesu Mk 1, 15 (Meta - Noiete) „Denkt größer und vertraut der frohmachenden Kunde!"

Die Ebene der Bistumsleitung mit allen Kompetenzen bietet sich an, diese Wege zu begleiten, zu unterstützen, zu fördern.

Dies zutiefst aus der Haltung, dass Gott immer vor unsda ist und wirkt; dass Gottes Geist wirklich ist und sich in allem inkarniert.

So sind alle Menschen guten Willens eingeladen, mitzugehen, vor ihrer Leistung und trotz aller inneren und äußeren Hindernisse. Der Weg ist auch zu gehen als ein Lebenam Nicht- also wirklich fehlerfreundlich, bejahend, annehmend darin.

Es gibt in vielen Prozessen gegenwärtig zumindest einen Semipelagianismus!

Der ist unbedingt zu vermeiden!

Wie oft wird das in der Offenbarung des Johannes gesagt: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt." (Offb 2, 29 u.a,)!

Dieses Hören immer wieder in Selbstunterbrechung einzuüben, daraus Einsichten gewinnen und, mitunter auch in kleinen Zeichen, daraus ganz konkret zu werden in der Umsetzung, scheint mir möglich zu sein.

Dabei ist es kostbar - und keine Niedlichkeit - immer wieder Mt 18, 20 zu erinnern, dass Kirche sich voll und ganz realisiert, wo zwei oder drei sich im Namen Jesu versammeln, also im Namen, der Heilendes und Rettendes, Aufrichtendes, Bejahendes sagt und wirkt.

Es ist bedenkenswert, dass dieser uns so geläufige Satz vor dem II. Vatikanischen Konzil viele Jahrhunderte in keinem kirchenamtlichen Dokument zitiert wurde.

Es wäre auch ein Förderliches, wenn der Weg mit herzhaftem und herzgebildetem Lachen verbunden wäre, nicht mit der Anstrengung des zusammengekniffenen Mundes; also etwas Schabbatartiges in sich eröffnete.

 

 

Reiner Nieswandt

-Entklerikalisierung

Ein Überlebensprogramm für die Ecclesia Sancta

Zwei Fallbeispiele

Ein Priester wird versetzt, ohne dass für ihn ein Nachfolger in Aussicht steht. Dies führt zu Protesten von Gläubigen, die wünschen, dass ihnen der beliebte Priester erhalten bleibe.

Diese bewusst grob skizzierte Situation zeigt einen Aspekt auf, worin Klerikalismus von Priestern wie Gläubigen bestehen kann: Das Aufs-Podest-Heben eines „Heiligen Mannes“, von dessen Dienst alle für die Gläubigen segensreichen Handlungen erwartet werden; umgekehrt das Sich-Hinauf-Heben-Lassen des Betreffenden, um sich im Glanz einer besonderen sozialen Stellung und der vermeintlich gegebenen Machtfülle über die Herzen der Gläubigen sonnen zu können, verbunden mit dem Gefühl, „gebraucht“ zu werden. Dass dies mit einer (vielleicht sogar vorsätzlichen) Selbst-Entmündigung der Getauften und Gefirmten einher geht, liegt auf der Hand, wird aber von den Beteiligten übersehen oder ignoriert bzw. in Kauf genommen, da man auf diese Weise über den Mann auf dem Podest umgekehrt ebenfalls eine Form von Kontrolle und ggf. Zwang auszuüben vermag.

Eine andere Episode: Bei der Einweihungsfeier eines kirchlichen Gebäudes sprach mich ein mir unbekannt gebliebener mittelalter Mann mit „Hochwürden“ an. Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihm zu antworten, wenn er eine ernsthafte Antwort von mir wolle, möge er diese Anrede fortan unterlassen.

Die Diagnose von Papst Franziskus 

„Corruptio optimi, quae est pessima“ - “Die Verderbnis des Besten ist das Schlimmste!“ (Papst Gregor dem Großen zugeschrieben).

Seit Beginn seines Pontifikats hat sich Papst Franziskus mit ebensolcher Vehemenz wie Klarheit immer wieder gegen den verbreiteten Klerikalismus in der Katholischen Kirche gewandt. Auch für die zahlreichen Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche nimmt er diesen in Mitverantwortung, etwa in seinem Schreiben an das Volk Gottes vom 20. August 2018:

„Der Klerikalismus, sei er nun von den Priestern selbst oder von den Laien gefördert, erzeugt eine Spaltung im Leib der Kirche, die dazu anstiftet und beiträgt, viele der Übel, die wir heute beklagen, weiterlaufen zu lassen. Zum Missbrauch Nein zu sagen, heißt zu jeder Form von Klerikalismus mit Nachdruck Nein zu sagen.“

Mit dieser Sichtweise unterscheidet sich der individualisierte „pastorale“ Klerikalismus der Gegenwart vom „klassischen“ Klerikalismusbegriff seit dem Mittelalter bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, dem es vor allem darum ging, auf ganze Staaten und Gesellschaften Einfluss zu nehmen.1

Klerikalismus überall

Klerikalismus ist zum einen ein individuellesPhänomen bei einzelnen Priestern und den sie verehrenden Gläubigen, verbunden mit der (gegenseitig gepflegten) Illusion, diese bräuchten einen (persönlich, nicht seinen Dienst!), um selig werden zu können. Dabei ist es vielleicht doch eher umgekehrt so, dass man den/die anderen (miss-) braucht, um hier auf Erden selig leben zu können. An dieser Stelle möchte ich klarstellen, dass auch ich persönlich nicht frei von dieser Art Klerikalismusbin, denn es schmeichelt durchaus, mit dem Gefühl zu leben, einen heiligen Dienst zu verrichten, von anderen gebraucht zu werden und Einfluss zu haben!

Klerikalismusist – so betrachtet - nicht nur ein Phänomen einer Spaltungdes Gottesvolkes in Kleriker und Laien, wie von Papst Franziskus analysiert, sondern ebenso auch einer symbiotischen Verschränkung in- und miteinander, die ein „sauberes“ Zusammenleben und -arbeiten einschränkt oder gar gefährdet („Klüngelgefahr“, Wissen um die „Leichen im Keller“ des/der anderen, Aufopferung der individuellen Meinungsvielfalt zugunsten einer „Geschlossenheit“ nach außen, Vermischung von Privatem/Persönlichem und Beruflichem).

Klerikalismus ist somit auch ein Gruppenphänomeninnerhalb einer Priesterschaft, die davon überzeugt ist, aufgrund ihrer Weihe etwas Besonderes zu sein („ontologische Differenz“ zu den Getauften und Gefirmten), nicht selten gefördert im Rahmen der Ausbildung, und (als Presbyterium um den Bischof vereint) eine „Ersatzfamilie“ mit eigener Kleiderordnung darzustellen. In diesem sich selbst schützenden Geflecht liegt es auf der Hand, dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Damit darf es aber auch keine Fehlertoleranz selbst im Kleinen geben und wird fast zwangsläufig ein Unschuldswahn gepflegt, der dann nur noch ggf. unter dem Beichtgeheimnis (innerhalb der Priestergruppe!) durchbrochen wird.

Es gibt nach meiner Beobachtung mindestens noch drei weitere „Zwischenebenen“ im kirchlichen Leben, die die bekannte Spaltung des Kirchenvolkes in „Kleriker und Laien“ für den deutschsprachigen Raum zwar ein wenig „aufweicht“, aber die Problemlage als „erweiterter Klerikalismus“ nicht eben mindert:

    Klerikalismus von pastoralen Diensten, die gerne mehr Anteil am kirchlichen Machtgefüge hätten und sich ebenfalls für unersetzbar halten. Insofern Seelsorger/innen in einer Gruppe („Team“) zusammenarbeiten (müssen), kommt es zu ähnlichen Verhaltensweisen von symbiotischer Verschränkung und Außenabwehr wie im Presbyterium und in kirchlichen Verwaltungen.

Klerikalismus in kirchlichen Verwaltungen, die viel Energie für Selbsterhalt und Selbstschutz aufbringen und sich dabei kaum von anderen gesellschaftlich relativ geschlossenen Systemen wie Polizei, Militär oder weltlichen Behörden unterscheiden.

Klerikalismus bei angestellten Mitarbeitern und engagierten Laien, die sich insbesondere im liturgischen Bereich daran erfreuen, eine wichtige „Rolle“ etwa als Lektor(inn)en oder Kommunionhelfer(innen) übernehmen zu dürfen. Auch in gewählten Gremien lässt sich dieser bei engagierten Getauften und Gefirmten finden, wenn das Bedürfnis nach persönlicher Einflussnahme auf die Amtsträger, der ebenfalls zu findende Wunsch nach symbiotischer Verschränkung mit diesen und umgekehrt daraus resultierender „Anerkennung“, vorrangiger ist als die Orientierung an den Sachthemen und dem Dienst an der/für die Gemeinde/die Menschen.

Zusammenfassend möchte ich Klerikalismus definieren als „Selbstermächtigung“ und damit praktischen Atheismus oder besser: Götzendienst im Kirchendienst2.

Kommunikation

 Mit dem Aufkommen des Internets und der sozialen Medien war einst die Hoffnung verbunden, die Welt könnte sich demokratischer und sozialer entwickeln. Zwar ist die Menge an für viele verfügbaren Informationen ins schier Unermessliche gewachsen, damit aber auch deren Unübersichtlichkeit und die Unmöglichkeit, diese alle nach Gewicht und Wahrheitsgehalt zu sortieren. Daraus folgt, dass der Kampf um die Meinungshoheit unabhängig von der Wahrheitsfrage im Internetausgefochten wird.

Der katholischen Kirche ebenso wie anderen eher „trägen“ Institutionen bis hin zu Regierungen ist vorgeworfen worden, die Tragweite der modernen sozialen Medien bis heute kaum erkannt, geschweige denn genutzt zu haben. Dem gegenüber ist festzuhalten, dass bessere technische Kommunikation nicht automatisch zu mehr Wahrheitsgehalt, größerer Authentizität oder einem tatsächlichen Kulturwandel führt, der vom Geist Jesu Christi geprägt ist.

Was tun?

 Es tut ausgesprochen weh anschauen zu müssen, was der Klerikalismus bis in unsere Tage Menschen, dem Leib Christi, der Kirche aus lebendigen Steinen, antut. Dass dieser sogar eine potenziell tödliche Gefahr für die Ecclesia Sanctadarstellt, wird uns aktuell fast täglich vor Augen geführt.  Darum möchte ich hier ein paar Gedanken äußern, die vielleicht als ein Programm zur Entklerikalisierung dazu beitragen können, dieses von Papst Franziskus als ein Grundübel innerhalb der Kirche identifizierte Phänomen, das wohl mit der klassischen Todsünde der „Superbia“ in Relation gesetzt werden kann, zu überwinden oder wenigstens einzudämmen.

1. Evangelisierung der Welt

 Einen wirklichen Kulturwandel im Geist Jesu Christi werden wir nur bewirken können, wenn wir entgegen aller Defensive und Resignation, in die wir uns schon seit längerem hinein begeben haben, die Mauern unserer Angst und Abwehr hinter uns lassen und zu den Menschen in den Straßen unserer Städte und Ortschaften hinaus gehen, um dort zu verkündigen (vgl. Werner Kleine: „Raus aus dem Stuhlkreis“).3

Kommunikation im Sinne Jesu Christi wird darauf bedacht sein, alle individuelle wie kollektive Selbstbezüglichkeit fallenzulassen, um Augenhöhe gewinnen zu können mit den Menschen, zu denen wir gesandt sind. Dazu werden wir auf Belehrung und Besserwisserei, Spezialsprache („kirchisch“) und Showelemente verzichten müssen. Dies sollte uns zukünftig von allen anderen christlichen wie nichtchristlichen Bewegungen und elitären Gruppierungen unterscheiden. Diese Art von Kommunikation wird im Sinne des Philosophen Jürgen Habermas ein „herrschaftsfreier Diskurs“ sein müssen, an einer christlich geprägten Vernunft orientiert, wie sie immer wieder in den Schriften von Papst Benedikt XVI./Joseph Ratzinger aufleuchtet, dabei gerade nicht um sich selbst kreisend, sondern offen für das Wehen des Heiligen Geistes - besonders auch bei denen, die uns zunächst fremd sind.

2. Sprachgewinnung

 Der Kampf um die Meinungshoheit wird heute vor allem in den sozialen Medien ausgefochten. Hier muss die Katholische Kirche zu einem Hort der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit werden, jenseits der Verbreitung von „fake news“ und beliebiger, emotionalisierter Stimmungsmache, die das Denken der Menschen zerrüttet. Daher ist es um der Wahrheit willen so unverzichtbar, auch auf alle Fakten hinsichtlich des innerkirchlichen Missbrauchs zu schauen und diese offenzulegen (Joh 8,32: „Die Wahrheit wird euch frei machen“, auch vom Klerikalismus!)

Wenn wir von der Mehrheit unserer Zeitgenossen wieder ernst genommen werden wollen, müssen wir uns darum bemühen, die Gute Nachricht in einer Sprache zu vermitteln, die dem Niveau von Kinderkatechesen entwachsen ist. Auch dies ist m.E. eine Form von Missbrauch, da sie zum einen ignoriert, dass Jesus den Erwachsenen gepredigt und die Kinder gesegnet hat (und nicht umgekehrt!), und zum anderen bei entsprechender Fokussierung verhindert, dass erwachsene Fragen an den Glauben gestellt werden (könnten).

Aufrichtige Glaubenskommunikation lädt die Menschen zum religiösen wie theologischen Nachdenken ein und ist damit in der Lage, die weit verbreitete auch religiöse Konsumorientierung wie den religiösen Analphabetismus unserer Zeit und Gesellschaft wenigstens ein bisschen in Richtung Denken zu korrigieren (Mut zum Denken!).

3. Echtheit und Gastfreundschaft

 Wir sind keine Werbeträger, auch wenn wir aus tiefer Überzeugung für unseren Glauben werben wollen (und sollen!). In einer Zeit, in der hochfahrende Populisten, die sich gelegentlich auf ihre christliche Prägung berufen und verängstigte Menschen wie „besorgte Bürger“ für sich einfangen, in immer mehr Ländern an Einfluss gewinnen, können wir als Christen nur ein Gegenprogramm aufsetzen, das aus dem Bewusstsein unserer eigenen Arm-Seligkeit im Sinne der Seligpreisungen (Mt 5,3) gespeist ist. Allein schon mit solch einer Haltung kann jeglicher persönliche Klerikalismus überwunden werden.

Zur Überwindung des strukturellen Klerikalismuswird die aktive Praxis einer Fehlerkultur, bei der im gut christlichen Sinn Bekenntnis und Verzeihung bzw. Barmherzigkeit sowie die Bereitschaft zur aktiven Verhaltensänderung auch außerhalb der Beichte praktiziert werden, auf allen Ebenen beitragen können (vgl. Jak 5,16). Allerdings sei hinzugefügt, dass es mit dem „Wollen“ allein nicht getan ist, es kommt auch auf das „Können“ und eine Atmosphäre des „Dürfens“ an. Wir wissen alle darum, wie schwer uns das Zusammenleben und -arbeiten mit egal wem wird, wenn von keiner Seite Fehler und Schwächen zugegeben werden und die Bereitschaft zur Selbstkorrektur und veränderter Praxis nicht erkennbar ist (Auch hier ist uns Papst Franziskus mit seinem Eingeständnis persönlicher Fehleinschätzungen ein Vorbild!). Ich bin der Überzeugung, dass der mit einer bislang mangelhaften Fehlerkultur in der katholischen Kirche einhergehende Unschuldswahn mit dazu beigetragen hat, wirklich strafwürdige Vergehen zu verbergen bzw. zu ignorieren.

Das aktive Einüben des zwischenmenschlichen „Kontakts an der Grenze“ anstelle von symbiotischer Verschränkung bei allen kirchlichen Diensten/Ämtern wird die Achtsamkeit vor dem „Heiligen Boden des Anderen“ (vgl. Ex 3,5) stärken und das dienstliche Miteinander verbessern, weil grenzverletzendes Verhalten auch scheinbar harmloser Art weniger wird bzw. früher erkannt wird.

Die Gastfreundschaftin unseren Gemeinden und Gemeinschaften – m. E. ein besserer Begriff als „Willkommenskultur“ -, aus der heraus schon Engel bewirtet wurden (vgl. Hebr 13,2), wird, in Verbindung mit einer wirksamen Achtsamkeit für alle Schutzbedürftigen(Kinder und Jugendliche, Kranke und Behinderte, Traumatisierte und Flüchtlinge, Arbeitsmigranten und gesundheitlich eingeschränkte Senior/innen) einen weiteren sichtbaren Kontrast darstellen in einer Zeit, in der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mitten durch Europa erneut Mauern hochgezogen und Todeszonen definiert werden. 

4. Hierarchie anstelle von Klerikalismus

 Der gelegentlich in die Überlegungen zum Pastoralen Zukunftsweg der Diözesen eingeführte Partizipationsbegriff, der die Teilhabe von Nicht-Klerikern an kirchlichen Aufgaben beschreibt, besitzt nach meiner vorläufigen Wahrnehmung ebenfalls die Versuchung zum oben beschriebenen Klerikalismus, immer dann, wenn man anfängt, über Machtfragen in der Kirche zu diskutieren und Teilhabe an dieser vermuteten „Macht“ einzufordern. Hier lädt der stets notwendige Verweis auf Mt 20,20-28 par. (die Söhne des Zebedäus wollen die besten Plätze im Reich Jesu) zur innerkirchlichen Umkehr und wirksamen Buße ein. Jesus Christus lädt uns nicht dazu ein, an seiner „Machtfülle“ Anteil zu erhalten, sondern ausschließlich in seine Kreuzesnachfolge!

Ein vertieftes Bewusstsein dafür, dass alle kirchlichen Ämter und Beauftragungen allein von Gott selber kommen und allein dem Wohl des Volkes Gottes dienen sollen/dürfen, kann ebenfalls dazu beitragen, den Klerikalismus als „Selbstermächtigung“, wie oben beschrieben, zu überwinden.

Zuletzt möchte ich darauf hinweisen, was „Hierarchie“ eigentlich bedeutet, nämlich „heilige Herrschaft“ im Bewusstsein der Rückbindung (lateinisch „religio“) an das Schöpferwort Gottes, von dem alles seinen Anfang nahm (Gen 1,1; Joh 1,1; griechisch ἐνἀρχή). Klerikalismus von Klerikern wie Nicht-Klerikern verhindert diese stets notwendige Rückbesinnung auf den Ursprung jeglichen Amtes und Auftrags in der Kirche.

Möge Gott uns beistehen, die Aufgabe der Entklerikalisierung der Ecclesia Sancta zu bewältigen!

 Anmerkungen:

Vgl. Rainer Bucher: „Klerikalismus als pastorale Handlungsform“ in: M. Sohn-Kronthaler/R. Höfer (Hrsg.), Laien gestalten Kirche. (FS Liebmann zum 75. Geburtstag).  Innsbruck 2009, 155-175, hier: 155-156; 158.

Oder wie der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher Klerikalismus definiert: „Eine religiös begründete Herrschaft, der es in allem um die eigene Person, letztlich um die eigene Erlösung im Hier und Heute geht“ …  „Es sind offenkundig drei Elemente, die den Klerikalismus als pastorale Handlungsform charakterisieren: die extreme Selbstbezüglichkeit des Klerikers, die Verfügung über das Archiv religiöser Begriffe und Praktiken als Mittel der eigenen Selbstbezüglichkeit und das alles und alle anderen unterordnende und degradierende Ziel der eigenen Erlösung hier und in transzendenter Perspektive.“ Rainer Bucher: https://www.feinschwarz.net/das-uebel-des-klerikalismus-ist-etwas-sehr-haessliches/

Werner Kleine: https://www.dei-verbum.de/der-ewige-stuhlkreis/

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