Pastoralblatt für die Diözesen

Aachen, Berlin, Hildesheim,

Köln und Osnabrück

Oktober 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

nicht zuletzt durch Papst Franziskus und seine neue Art der Wahrnehmung des Petrusdienstes ist das Papstamt an sich in den Fokus geraten, wie u. a eine neue Monographie von Kardinal Müller zeigt. Sie kritisch einbeziehend wirft der an der Hochschule Innsbruck lehrende Dogmatiker Prof. Dr. Roman
A. Siebenrock einen Blick auf die Bedeutung des Papstamtes in einer sich radikal verändernden Wertegesellschaft und macht dabei die Kategorie des Lernens stark.
Oktober bedeutet jedes Jahr neu: Weltmissionssonntag. In guter Tradition führt Prof. Dr. Dr. Klaus Vellguth, Medienreferent bei missio Aachen und u. a. auch Schriftleiter des „Anzeiger für die Seelsorge“, in die Gesellschafts- und Kirchensituation des dieses Jahr im Zentrum stehenden Landes Burkina Faso ein.
Leider wird die revidierte Einheitsübersetzung im kommenden Lesejahr noch keinen Einzug in die Liturgie halten. Dennoch schaut Msgr. Hans Thüsing, Subsidiar in Brühl, schon einmal auf das Evangelium des Lesejahres B, das ihn bereits seit Jahrzehnten beschäftigt und fasziniert, um die Pbl-Leserschaft einzustimmen auf das, was sie bei der Lektüre der Revision an Veränderung erwartet.
Demenz ist nicht nur ein ständig aktuelles Thema sowie eine Herausforderung für Gesellschaft und Seelsorge. Gerade wo das, was als das Spezifikum des Menschen angesehen wird, die Geisteskraft, ins nicht Festhaltbare entschwindet, gilt es theologisch-anthropologisch die biblisch insgesamt dreimal formulierte Frage zu beantworten: „Was ist der Mensch?" (Ps 8,5; 144,3; Ijob 7,17). Hier ordnen sich die Gedanken von Dipl. Theol. Markus Roentgen ein, Referent für Spiritualität in der HA Seelsorge im GV Köln.
Pfr. Dr. Axel Hammes, Neutestamentler und Spiritual am Collegium Albertinum in Köln, sowie Dr. Guido Schlimbach, langjähriger Mitarbeiter an der Kunststation St. Peter in Köln, führen mit theologischem Tiefgang und hohem Aktualitätsgehalt in Claire Morgans Rauminstallation „Act of God" ein.
Ausnahmsweise sei diesmal noch explizit auf den Rezensionsteil verwiesen, der zum Abschluss des Reformationsgedenkens fünf hier hinein sich einordnende Monographien bespricht. 

Mit einem herzlichen Gruß in den Herbst  

Ihr

Gunther Fleischer

 

Artikel des Monats

A. Siebenrock

-Amt der Einheit – Garantie der Vielfalt

Bemerkungen zur Bedeutung des Papstamtes in einer sich radikal verändernden Weltgesellschaft 

Das Papstamt provoziert durch seine bloße Existenz. So oft ist es schon verabschiedet worden und doch immer wieder verjüngt wie ein Phönix aus der Asche der Missgriffe, Kritiken und Bekämpfungen neu erstanden. Auch innerchristlich bleibt sein Image zwischen dem Garanten der Einheit oder dem Grund für die anhaltende Spaltung hin und her gerissen.

Und heute? Pankaj Mishra stellt fest, dass der aktuelle Bischof von Rom der überzeugendste und einflussreichste öffentliche Intellektuelle der Gegenwart sei.1 Deshalb fordert er eine neue Aufklärung, in der Vernunft und Glauben, wie immer schon Benedikt XVI., nicht apriori als Widerspruch abgetan werden. Und innerkirchlich? Bei aller Anerkennung von Papst Franziskus sollte nicht übersehen werden, dass auch er den Jurisdiktionsprimat nützt und für manche Entscheidungen unbedingten Gehorsam einfordert.2 Auch der jüngste Umgang mit Gerhard Ludwig Kardinal Müller3 scheint mir kommunikativ kein nachahmenswertes Modell gewesen zu sein. Doch mit Franziskus, dem ersten von vielen noch kommenden Nicht-Europäer, ist die Weltkirche real in Rom selbst angekommen. Gäbe es dieses Amt nicht, es müsste erfunden werden. Aber weil es dieses Amt gibt, ist es stets zu erneuern. Wie aber kann es zeitgemäß so gestaltet werden, dass es beide Grundaufgaben miteinander zu verbinden vermag: Zeugnis für das Evangelium „urbi et orbi“ und Dienst an der Einheit aller Christgläubigen, ja der ganzen Menschheit?
Dazu möchte ich einige Überlegungen vorlegen, die von folgender Voraussetzung ausgehen. Die Autorität dieses Amtes kann nicht mehr verordnet werden. Entmächtigung ist die notwendige Konsequenz der von Benedikt XVI. angesagten „Entweltlichung der Kirche“.4 Deshalb erreicht ein bloßes Beharren auf der formalen „sacra potestas“ niemals jene freie Zustimmung der Menschen, die allein das Amt trägt. Es wird keine „potestas“ ohne „auctoritas“ der Person mehr geben, die die Gewissen der Menschenkraft jener Wahrheit selbst zu binden vermag (DH 1), die als Zeugnis des Evangeliums wahrer Humanität den Weg bereitet.

Deshalb muss heute die gesamte Dramatik der biblischen Gestalt Petri in der Theologie dieses Amtes eingeholt werden. Denn Petrus ist nicht nur der Fels (Mt 16, 18), der seine Brüder zu stärken hat (Lk 22,32), sondern ein Verräter (Mt 26,69-75), der weint (Mt 26,75), den Jesus als Satan barsch zurückweist (Mt 16,23), dem so in die Glaubensexistenz eingraviert wurde, dass er sich immer wieder bekehren muss (Lk 22,32); und der letztlich allein Autorität gewinnt in seiner Liebe zu Christus (Joh 21,17), die in der Liebe zu allen Schwestern und Brüdern glaubwürdig wird. Dann aber wird er, weil er Schafe zu weiden hat, immer wieder dorthin geführt werden, wohin er nicht selbst will (Joh 21,18). Dieser Petrus steht immer zwischen allen Stühlen der damaligen Kirche: den Judenchristen und den Griechen; und wird so zum wandernden Fels der Einheit. Deshalb kann von göttlicher Stiftung nie ohne den Prozess der Bekehrung gesprochen werden; ein Prozess der durch verschiedenste Faktoren ausgelöst und gefördert wird, innerkirchliche und außerkirchliche.5 Bekehrung aber ist ein Lernprozess im Glauben. Was dieser Lernprozess heute bedeutet, soll aus den Perspektiven des letzten Konzils verdeutlicht werden.

 

Prinzip der Einheit – Garant der Vielfalt: der Bischof von Rom in der Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzils

Nur in einer elementaren Verdichtung der theologischen Grundoptionen werden die Perspektiven verständlich, mit denen das Zweite Vatikanische Konzil den Dienst des Bischofs von Rom in dieser heilsgeschichtlichen Epoche beschreibt, da die Menschheit immer enger zusammenwächst und in Gefahr und Chance zum Besten und zum Schlimmsten sich entwickelt (GS 9). In seiner apokalyptisch verschärften Gegenwartsanalyse (GS 81) stützt sich das Konzil auf jene große Hoffnung, die das ganze Konzil trägt und fälschlicherweise als naiver Optimismus bezeichnet wird: Gott will das Heil aller Menschen (SC 5; LG 16; AG 7). Deshalb führt er einen Dialog des Heils mit jeder einzelnen Person. Gottes Offenbarung, seine Selbstmitteilung in der Schöpfung, der Geschichte Israels mit ihrer Vollendung in Jesus Christus, anerkennt die unbedingte Würde jedes Geschöpfs durch jene Liebe, die zu einer liebenden Antwort befreit und ruft. In diese Weite und Entschiedenheit der Liebe Gottes ist die Kirche als Zeichen unter den Völkern in Christus gleichsam wie ein Sakrament des allumfassenden Heils (LG 48), indem sie als Mittel und Werkzeug der Einheit mit Gott und der Einheit der ganzen Menschheit dient (LG 1). Weil sie daran gemessen werden will, weiß sie sich zur ständigen Erneuerung (LG 8) und Reform (UR 6) gerufen. Deshalb verzichtet die Kirche auf alle Zwangsmittel und setzt mit dem Heilmittel der Barmherzigkeit auf den Dialog nach innen und außen. Alle Menschen sind zum neuen Volk Gottes gerufen (LG 13 – 16) und Gott schenkt durch seinen Geist allen Menschen eine Beziehung zu Tod und Auferstehung Christi (GS 22).

In der katholischen Kirche, die mit allen Getauften, ja allen Menschen verbunden ist, bleibt die eine wahre Kirche Jesu Christi da („subsistit in“). In einer gewissen Analogie zur Inkarnation verbinden sich in ihrer komplexen Realität Göttliches und Menschliches. Den Petrusdienst bewahrend, anerkennt sie Elemente des Katholischen außerhalb ihrer selbst und erneuert und reformiert sich selbst immer in der Nachfolge des armen Christus (LG 8; UR 6). Alle Katholikinnen tragen die eine Sendung der Kirche, weil alle in der Taufe die gleiche Würde der Berufung zum dreifachen Amt Christi erhalten haben (LG 10-12). 

Die hierarchische Ordnung dient der Berufung aller. Indem die Kirche mit der Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, besonders aber der Armen, verbunden ist (GS 1) und aus der Sendung des Sohnes erwächst, ist die ganze Kirche missionarisch (AG 2). So ist sie in Christus geeint im Heiligen Geist zum Reich des Vaters unterwegs und gibt die empfangene Botschaft allen, ja der ganzen Schöpfung weiter (LG 1, GS 1). Wegen dieses Mysteriums der Gegenwart des heilswirkenden Gottes hat alles Tun der Kirche seinen Höhepunkt und seine Wurzel in der Liturgie (SC 10), insbesondere der Eucharistie (LG 26). Die Liturgie findet aber im Dialog mit allen Menschen ihr „Ite, missa est“. Der Dialog setzt ja die heilsgeschichtliche Methode Gottes selbst fort (GS 92). In ihrem bleibenden Auftrag, die Zeichen der Zeit zu erforschen (GS 4. 11), erfährt die Kirche, dass sie immer dort zu sein hat, wo Menschen um ihre Würde und Freiheit, um Gerechtigkeit und Frieden ringen. In diesen Ereignissen und Sehnsüchten wird Christus und sein Evangelium vom Reich Gottes auch außerhalb der Kirche gegenwärtig.

Innerkirchlich bettet das Konzil das Amtscharisma des Papstes, Jurisdiktionsvollmacht und Unfehlbarkeit, zwar in die Kollegialität der Bischöfe und das gemeinsame Glaubenszeugnis aller Glaubenden ein (LG 12; LG 21-22), doch auf der anderen Seite spielt es das Amt frei. Der Papst kann frei entscheiden, ob er kollegial oder primatial handeln möchte (LG 22). Damit werden die zwei Grundprinzipien kirchlicher Entscheidungsfindung und Handlungsformen, die Synodalität und die primatiale Verantwortung allein vor Gott, einander zugeordnet, aber nicht noch einmal juristisch in eine höhere Synthese vereint.6 Dass dadurch ein „Risiko“ in der Kirchenstruktur verankert wird, ist deshalb unausweichlich, weil der Geist auch weiterhin weht, wo er will (Joh 3, 8; aber auch: Lk 12, 55-56), und das Gewissen, auch das des Papstes, die letzte Norm geschichtlichen Handelns darstellt. Damit wird in die Kirchenstruktur die unbedingte Differenz in Christus von Gott her eingestiftet. Dass diese Differenz „unvermischt und ungetrennt“ als Einheit in der Liebe zu leben ist, halte ich für den entscheidenden Aspekt jener Kirchenvision, von dem das Konzil geprägt ist: im Ursakrament Jesus Christus ist die Kirche als Volk Gottes und Leib Christi das universale (Grund-)Sakrament des Heils (LG 48). 

Das Papstamt als Garant verbindlicher Lernprozesse

Hat sich die Kirchenstruktur dadurch letztlich in ein unversöhnbares Paradox manövriert? Nein, wenn zwei Vorgaben anerkannt werden. Erstens ist die Einheit der Kirche und aller Glaubenden von Christus gewollt (Joh 17, 21) und ein hoher Wert; auch im Blick auf die heutige Menschheitssituation. Zweitens sollten wir mit John Henry Newman und dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu begreifen beginnen, dass der Kirche in all ihren Verheißungen der mühsame Lernprozess in der Geschichte als Pilgerin nicht erspart wird.7 Entwicklung zeichnet eine lebendige Kirche aus, nicht das immer Gleiche Deshalb lese ich das päpstliche Amt als Garant eines verbindlichen Lernprozesses im Glauben. In dieser Perspektive seien abschließend einige Aspekte hervorgehoben.
Jeder Lernprozess geht von verbindlichen Voraussetzungen aus, die das gegenwärtige kulturelle Gedächtnis einer Überzeugungsgemeinschaft bilden.8 Diese Verbindlichkeit des geschichtlich Gewordenen wird für die Kirche in zwei wesentlichen Aspekten deutlich. In ihrer Apostolizität weiß sie, dass sie eine Botschaft empfangen hat, die nicht aus ihrem Vermögen erwächst und die sie daher treu zu bewahren und immer neu zu verkünden hat. Das ist nach menschlichem Ermessen ohne Institution und Expertentum nicht möglich; also nicht ohne bischöfliches Amt, Theologie und das Glaubenszeugnis aller, besonders aber der Heiligen. Weil die Kirche mit nichts Fertigem begonnen hat, musste sie nicht nur verbindliche Entscheidungen in der Geschichte treffen, sondern auch die Methode erfinden, wie solche Entscheidungen getroffen werden und verbindlich bleiben können. In solchen Prozessen, beispielhaft an der Kanonisierung der Schriften abzulesen, entwickelten sich das Bischofsamt und der Dienst des Petrus an der Einheit der vielfältigen Bischofskirchen. Im Rückblick erkennt die Kirche diese Entwicklung im Neuen Testament grundgelegt; und damit von jenem Gott verbindlich gewollt, der Jesus Christus sandte und das Zeugnis der Schrift wollte.9 Weil Johannes Paul II. selbst die anderen Kirchen und Gemeinschaften gefragt hat, wie er sein Amt heute in besserer, d.h. der Einheit mehr dienenden Weise ausüben könne, ist auch gesagt, dass nicht alle in der Geschichte erkennbaren Weisen seiner Ausübung nützlich genannt werden können.10 Welche aber könnte es heute sein?

Die Voraussetzung für alle künftige Autorität eines Papstes ist nach Newman die Anerkennung und Würdigung der Gewissen der einzelnen Personen. Dabei ist für Christgläubige selbstverständlich, dass das Gewissen an der Gestalt Jesu Christi, dem armen und gekreuzigten, sich zu bilden hat. Diese Ausrichtung ist deshalb allen Menschen möglich, weil dieser Christus in den Armen, Ausgegrenzten und um ihre Würde ringenden Menschen mitten unter uns gegenwärtig ist. Deshalb ist das Zeugnis der Getauften vom Reiche Gottes und der Christusgegenwart immer prophetisches Zeugnis. Weil das Konzil diese Christusgegenwart in allen Menschen voraussetzt, ist die Kirche gut beraten, die verschiedensten Entwicklungen der Gegenwart, auch wenn sie auf den ersten Blick fremd und seltsam sein mögen, nicht pauschal zu verwerfen, sondern in einer Unterscheidung der Geister als Zeichen der Zeit zu lesen. Das bedeutet aber, die Gottesgeschichten in diesen Erzählungen zu hören und aufzunehmen.

So hatte schon Johannes XXIII. das Ringen der Frau um ihre Emanzipation als Zeichen der Zeit gewürdigt.11 Es scheint mir daher völlig klar zu sein, dass die Suche nach der Rolle der Frau in der Kirche, inklusive Amt und Weihe, nicht abgeschlossen ist. Wer die Jurisdiktionskompetenz von geweihten Äbtissinnen über Jahrhunderte kennt, muss die heutige Situation als Rückschritt einschätzen.

Eine ähnliche Frage erhebt sich im Bereich von Ehe und Sexualität. Gerade weil Papst Franziskus einerseits die „Gender-Ideologie“ zurückweist und die Rollenverteilung von Mann und Frau als gesellschaftlich definiert einschätzt, die partnerschaftlich zu verändern sind12, zeigen sich in diesem Feld Indizien eines unabgeschlossenen Lernprozesses. Ähnliches ist zur Homosexualität zu sagen.13 Weil die jüngeren Forschungen zu erkennen geben, dass Mann und Frau schon rein genetisch keine in sich geschlossenen Einheiten darstellen, sondern dass es fließende Übergänge gibt, kann eine Kirche, die sich der Konvergenz von Glauben und Vernunft verpflichtet weiß, auf Dauer solche Erkenntnisse nicht ignorieren.
Doch diese Fragestellungen erscheinen angesichts des propagierten „Transhumanismus“ als hoffnungslos überholt. Deshalb scheint mir die Grundperspektive des Konzils von hoher Aktualität zu sein. Denn wenn wir das Geheimnis des Menschen nur vom Geheimnis des menschgewordenen Wortes her zu verstehen vermögen (GS 22), dann wird sich das Papstamt in Zukunft als Anwalt des Menschen dadurch erweisen, dass die Kirche der Menschenfreundlichkeit Gottes und der Transzendenz des Menschen durch das reine Zeugnis des Wortes und der diakonischen Handelns zu dienen sucht.

Schließlich darf auch die radikalste Problematik dieses Amtes nicht unerwähnt bleiben. Die ganze Bandbreite des Papstamtes zeigt sich in der Titulatur zwischen „Stellvertreter Christi“ und „Diener der Diener Gottes“. Als Stellvertreter Christi oder gar Gottes kann ein Mensch nur versagen. Als „Diener der Diener Gottes“ wird er nur bestehen, wenn alle akzeptieren, dass der Stellvertreter Petri sich dadurch allein als Fels erweist, dass er weinen und umkehren kann. Dann aber sind wir alle im Bekenntnis als lebendige Steine gerufen zum Aufbau der Kirche und des Reiches Christi.14 Aus dieser Ermächtigung aller Glaubenden aber wird auch die ökumenische Fragestellung dann beantwortbar. Von allem Triumphalismus frei geht deshalb auch die Kirche den Weg der ständigen Erneuerung in der Nachfolge des armen Christus. Und nie wird es eine andere Kirche geben als jene, die „schattenhaft, so doch getreu in der Welt“ (LG 8) dem Mysterium Christi dient.

 

Anmerkungen:

http://derstandard.at/2000043079085/                
Pankaj-Mishra-Wir-brauchen-eine-neue-Aufklaerung.
Siehe: Leven, Benjamin, „Totaler Gehorsam“. Wenn es darauf ankommt, nutzt Franziskus seine Autorität. Herder-Korrespondenz 71 (Juli 2017) 7.
Müller, Gerhard Kardinal, Der Papst. Sendung und Auftrag. Freiburg - Basel - Wien 2017. Wie ein Abschieds- und Treuegeschenk erscheint mir dieser Band. Sein autobiographisch verorteter Erfahrungsbericht zu den Päpsten seiner Lebensgeschichte erscheint mir als Hofberichterstattung, weil er alle Vertreter lobt. Im Gegensatz dazu fällt die theologische Gegenwartsanalyse so holzschnittartig aus, dass sie auf mich wie ein neues „Antimodernismus-Szenario“ wirkt. Hier wäre eine differenzierende Unterscheidung der Geister angebracht gewesen. Wer den Papst (mit Recht!) als Hüter der Würde des Menschen sieht (ebd., 126; v.a. 441-462), sollte die Lernprozesses unserer Kirche in und mit der Moderne würdigen.
Benedikt XVI. hat aber mit seiner Initiative zu einem Pilgerweg der Wahrheit und des Friedens in Assisi 2011 gezeigt, wie aus dieser Schwäche verbindliches Mitgehen wird. Zum Prozess von Assisi (1986 bis heute): Siebenrock, Roman A./Jan-Heiner Tück (Hg.), Selig, die Frieden stiften. Assisi - Zeichen gegen Gewalt. Freiburg - Basel - Wien 2012. „Entweltlichung“ bedeutet daher keinen Rückzug aus der Verantwortung für das Leben der Menschen, sondern dass das kirchliche Handeln sich allein auf die Überzeugungskraft des Evangeliums und unseres Zeugnisses stützt.
Meine Überlegungen stützen sich auf folgende historische und systematische Untersuchungen, auf die nur summarisch verwiesen werden kann: Schatz, Klaus, Der päpstliche Primat. Seine Geschichte von den Ursprüngen bis zur Gegenwart. Würzburg 1990; Klausnitzer, Wolfgang, Der Primat des Bischofs von Rom. Entwicklung, Dogma, ökumenische Zukunft. Freiburg i.Br. 2004. Öfters verweise ich auf John Henry Kardinal Newman. Dazu: Klausnitzer, Wolfgang, Päpstliche Unfehlbarkeit bei Newman und Döllinger. Innsbruck 1980; Siebenrock, Roman A., Wahrheit, Gewissen und Geschichte. Eine systematisch-theologische Rekonstruktion des Wirkens John Henry Kardinal Newmans. Sigmaringendorf 1996. Außerdem zur Bedeutung von Entwicklung und Veränderung als Zeichen des Lebens vom Autor: Leben heißt sich wandeln. Systematisch-theologische Annäherung im Geist John Henry Newmans an das Thema „Wandlung" im Blick auf das Zweite Vatikanische Konzil, in: Günter Biemer/Bernd Trocholepczy (Hg.), Realisation - Verwirklichung und Wirkungsgeschichte. Studien zur Grundlegung der Praktischen Theologie nach John Henry Newman. Frankfurt am Main u.a. 2010, 295–312.
Die primatiale Form des Handelns hat Pottmeyer eindringlich unter den Bedingungen der damaligen Souveränitätsvorstellungen analysiert (Pottmeyer, Hermann Josef, Unfehlbarkeit und Souveränität. Die päpstliche Unfehlbarkeit im System der ultramontanen Ekklesiologie des 19. Jahrhunderts. Mainz 1975). Joseph Ratzinger hat den Konzilarismus von Konstanz als kirchliches Notrecht eingestuft, das bleibend zu den Möglichkeiten der Kirche gehöre (Das neue Volk Gottes. Entwürfe zur Ekklesiologie. Düsseldorf 1969, 139). Beide Formen können daher als mögliches kirchliches Notrecht interpretiert werden. Das alltägliche Handeln der Kirche sollte sich die Stärken beider zu Nutze machen: umfassende Wahrnehmung und Beratung und Mut zu konkretem Handeln mit erkennbaren Optionen. Vehement weist Müller die Vorstellung einer Monarchie in der Bestimmung des päpstlichen Dienstes zurück (Anm. 3, 278; und im Blick auf die Kritik der Orthodoxen Kirchen nennt er die juristisch-monarchistische Ekklesiologie von Gregor VII. bis Bonifaz VIII.: ebd., 292).
Grundsätzlich weist Newman die Vorstellung eines „semper eadem“ (immer dasselbe) schon 1845 mit seiner Konversionsschrift über die Entwicklung der Lehre zurück. Dass die katholische Kirche Neuerungen gegenüber dem Evangelium eingeführt hätte, war ja ein entscheidender Kritikpunkt der Reformation, - auch in England. Die katholische Variante dieser Position hat der Semipelagianer Vinzenz von Lerin in seinem Commonitorium gegen die Neuerungen der augustinischen Gnadenlehre formuliert: „… was überall, was immer, was von allen geglaubt worden ist; denn das ist im wahren und eigentlichen Sinn das Katholische“, Commonitorium I, 2, CPL 50,640). Für Newman galt schon von Jugend an Entwicklung bzw. Wachstum als einzige Indiz für Leben. Diese Entwicklung der Lehre und des Lebens der Kirche wird durch verschiedene Ämter, d.h. Gruppen in der Wahrheit des Evangeliums auf unfehlbare Weise gehalten: das gemeinsame Zeugnis der Laien, die Schulen der Theologie, die Einmütigkeit der Bischöfe und in diesem Netz auch durch den Bischof von Rom. Während des Ersten Vatikanischen Konzils gerät er deshalb in scharfen Gegensatz zum Erzbischof von Westminster (London). Henry Kardinal Manning (1808-1892) hatte sich einer maximalen Interpretation verschrieben, die dem Papst allein und auch in einem viel weiteren Kompetenzbereich das Charisma der Unfehlbarkeit zuschrieb. Manning wird auch das Wort zugeschrieben: Das Erste Vatikanische Konzil sei der Sieg des Dogmas über die Geschichte. Mit der Kritik an Manning ist auch jene Vorstellung von Theologie, die in der Römischen Schule kultiviert wurde, zurückgewiesen, wonach das göttliche Wissen im kirchlichen Lehramt geschichtlich gegenwärtig wäre (siehe hierzu: Kasper, Walter, Die Lehre von der Tradition in der Römischen Schule. Giovanni Perrone, Carlo Passaglia, Clemens Schrader. Freiburg-Basel-Wien 1962). Aus diesem Grund halte ich nicht die Unfehlbarkeit des Papstes, die durch die Definition klar konditioniert wurde, für das Problem, sondern die Vorstellung von einer „Unfehlbarkeit des ordentlichen Lehramtes“, die erstmals von Joseph Kleutgen SJ nach dem Theologenkongress von Döllinger in München (1863) entwickelt wurde. In der Sicht von Kardinal Müller haben auch die wichtigen Dikasterien der römischen Kurie ebenso an der Unfehlbarkeit Anteil (Anm. 3, 14, 128 (!). Auch sieht er die Auszeichnung des Bischofs von Rom bisweilen in eins mit der „Kirche von Rom“, die er im Kardinalskollegium repräsentiert sieht (ebd., 14, 233-235, 337). Weil die Bestimmung von LG 23 („frei“) einer möglichen Willkür des Papstes das Tor öffnen könnte, müsse er „bereit sein, von den Kardinälen und engsten Mitarbeitern der Kurie konstruktive Kritik entgegenzunehmen“ (ebd., 358). Deshalb fordert Müller mit einem bemerkenswerten Zitat von Melchior Cano christlichen Freimut gegenüber dem Papst (ebd., 132).
Siehe: Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 72013.
Siehe hierzu die ekklesiale Inspirationslehre von Karl Rahner: Über die Schriftinspiration, in: ders., Sämtliche Werke 12. Freiburg u.a. 2005, 3–58.
Siehe: „Ut unum sint“ (25.5.1995), v.a. Nr. 83-96. Es ist im Rahmen dieses Aufsatzes nicht mögliche, alle Irrwege darzustellen. Einen habe ich schon genannt: die Meinung, dass das Papstamt uns der Mühe der Pilgerschaft entheben würde. Die zweite zu nennende ist die Versuchung der Macht in doppelter Form. Mit Bonifaz VIII. (DzH 875) verbindet sich die Meinung, dass das Heil der Menschen an den Status des päpstlichen Untertans gebunden sein könnte. Obwohl Müller diese juristische Verengung kritisiert, meint er im Blick auf das Konzil von Florenz: „so ist doch die Erklärung über den römischen Primat eine dogmatisch verbindliche Definition des katholischen Glaubens und von heilsnotwendiger Relevanz“ (Anm. 3, 291). Die zweite Variante besteht in der Gefahr, die vom Dogma geforderte Einbindung in die Kirche als bloße Dekoration anzusehen. Franziskus hat 2015 den normalen Weg der Kirche als Synodalität bezeichnet. Es fehlen aber noch entsprechende Strukturen und selbstverständliche Haltungen und Mentalitäten. Denn der Verweis auf den Papst, das ist die andere Seite der Versuchung, lässt leicht von der eigenen Verantwortung ablenken. In dieser Hinsicht haben viele Verantwortliche im Missbrauchsskandal versagt. Und die Medien sind das Abschieben der Verantwortung nach Rom gerne mitgegangen.
Pacem in terris (11. April 1963), Nr. 22.  
Amoris laetitia Nr. 56 und 286.
Siehe: Amoris laetitia, Nr. 250-251 und „Katechismus der Katholischen Kirche“, Nr. 2358.
Siehe die Ansprache von Papst Franziskus während des Angelus am 27. August 2017, dem 21. Sonntag im Jahreskreis mit dem Evangelium nach Matthäus 16, 13-20.

 



© 2017 Ritterbach Verlag GmbH, Erftstadt
> Zum Impressum