Pastoralblatt für die Diözesen

Aachen, Berlin, Hildesheim,

Köln und Osnabrück

August 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

die August-Ausgabe des Pastoralblatts beginnt einmal antizyklisch: Im klassischen Urlaubsmonat geht es um das Thema „Arbeit“, und zwar im Bereich von Theologie und Pastoral. Ein Plädoyer für dessen deutlich stärkere Berücksichtigung formulieren auf dem Hintergrund eines entsprechenden Projektes im Bistum Aachen die studierende Wirtschaftssoziologin Caroline Gilberg, Heinz Backes als Referent für den Fachbereich Arbeiter- und Betriebspastoral im GV Aachen sowie Dr. Michael Schäfers als Leiter des KAB-Grundsatzreferates in Köln.
GR Clemens Rieger aus Overath präsentiert sehr praxisnah und einladend das von P. Christian Herwartz SJ entwickelte Konzept der Straßenexerzitien. Ich teile beider Erfahrung: Am gegangenen Weg liegende Orte, welcher Art auch immer, können zum „brennenden, und doch nicht verbrennenden Dornbusch“ werden.
In Fortsetzung seines Beitrags zur Frage, durch wen und auf welche Weise künftige Religionslehrer(innen) vor dem Studium mit dem Glauben in Berührung kommen (Juni-Heft), beleuchtet Dipl. Psych. Michael Ley, Professor für Organisationspsychologie und Geschäftsführer des Instituts für qualitative Bildungsforschung Köln, dieses Mal die motivlichen Zugänge zum Theologiestudium und den Studienverlauf mit Blick auf den angestrebten Beruf als Religionslehrer(in). Beide Artikel beruhen auf den Ergebnissen bzw. Auswertungen einer Motivstudie, die im Auftrag der Bistümer Aachen und Köln vom IQ Bildung durchgeführt worden war.
Zum Sommermonat besonders gut passt der Durchgang zur „Biene“ in der Hl. Schrift und ihrer Bedeutung in der christlichen Theologie- und Kulturgeschichte bis in die Gegenwart von GR Dr. Nicole Hennecke, die als Krankenhausseelsorgerin in Saarbrücken arbeitet. Zugleich ist sie selbst Jungimkerin.
Den Ausklang bilden hilfreiche Hinweise zum Apostolischen Schreiben „De concordia inter Codices“ von Papst Franziskus, das nach Dr. theol. Lic. Iur. Can. Philipp Thull, Referent für Kirchliches Recht im GV des Bistums Aachen, endlich „Gewissheit im pastoralen Umgang mit den Gläubigen der katholischen Ostkirchen mit sich bringt“ - angesichts der zunehmenden Migrationsbewegungen ein für die Seelsorge nicht unerhebliches Thema.

Mit den besten Wünschen für diesen Sommermonat grüßt Sie

Ihr

Gunther Fleischer

 

Artikel des Monats

Clemens Rieger

-„Zieh Deine Schuhe aus, denn der Boden auf dem du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3,5)

Exerzitien im Alltag auf der Straße 

Exerzitien im Alltag sind seit langem Bestandteil der Arbeit vieler Gemeinden.
Die meisten Modelle, die ich kenne, verweisen die Teilnehmenden für die Übung in ihren privaten Bereich, wo sie, möglichst ungestört vom Leben draußen, mit „ihrem“ Gott allein sind. Stille ist ein sehr fruchtbarer Weg, um Gott zu finden.
Unsere Exerzitien im Alltag sollen aber „draußen“ stattfinden. Wenn wir das Evangelium aufmerksam lesen, dann stellen wir schnell fest, dass die meisten Erzählungen dort auf der Straße stattfinden. Die entscheidenden Begegnungen finden meist zufällig statt, scheinen nicht geplant zu sein.
Vielleicht will Er uns ja auch „zufällig“ treffen. Er hat ja auch gesagt: Ich bin der WEG (die Wahrheit und das Leben), also scheint das „Draußen“ auch eine gute Möglichkeit zu sein, Ihn zu treffen. Und das in den unterschiedlichsten Formen: vielleicht als „barmherzigen Samariter“, vielleicht auch als einen derjenigen, die hungrig, durstig, obdachlos, krank und fremd sind und von denen er sagt: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan ...“
Gehen Sie neugierig und interessiert. So ist Moses auf den brennenden Dornbusch gestoßen, wahrscheinlich die Entdeckung seines Lebens.

1.
Christian Herwartz, der „Erfinder“ der Straßenexerzitien

Christian Herwartz, ein Jesuit aus Berlin, der in seiner aktiven Zeit auch Arbeiterpriester war, hat die Straßenexerzitien „entwickelt“. Wobei „entwickelt“ das falsche Wort ist. Die Straßenexerzitien sind das Ergebnis seiner eigenen Gottsuche, sie sind ihm auf dieser Suche geschenkt worden. Er schreibt: „Die Exerzitien auf der Straße sind, wie die ‚traditionellen‘ Exerzitien auch, der Versuch, sich aus dem Alltagsgeschehen zurückzuziehen, um in Beziehung zu treten mit dem Ursprung der Schöpfung. Gläubige sprechen von Gott, andere finden andere Worte für dieses Geheimnis des Lebens, das Heilige in uns. Es gibt eine Sehnsucht, die in uns angelegt ist und uns Identität gibt. Sie zu entdecken - jenseits von lohnenden Lebenszielen - ist das Anliegen in den Exerzitien auf der Straße.
So hat es schon Ignatius von Loyola erlebt, der Ordensgründer der Gesellschaft Jesu, (Jesuiten) der einige Monate als Obdachloser in Manresa, Spanien, auf der Straße lebte, sein Brot erbettelte und in einer Höhle schlief. Das Besondere ist, dass dies ‚auf der Straße‘ geschehen war anstatt in der Stille eines abgeschlossenen, extra dafür reservierten Raums in einem Exerzitienhaus.
‚Auf der Straße‘ ist dabei ganz wörtlich gemeint und steht zugleich auch für vieles andere: Die Straße ist ein Ort der Begegnungen, offen für alle. Hier treffen Menschen aller gesellschaftlichen Schichten, aus unterschiedlichen Ländern und in verschiedenen Lebenssituationen aufeinander. Die Straße verbindet, sie läuft an privaten, bewachten Orten vorbei, kann genutzt werden, um neue Ziele anzugehen oder sich in heimische Gefilde zurückziehen. Straßen sind Verbindungslinien zwischen verschiedenen Lebensbereichen, manchmal ist die Straße der einzige Raum, der für alle zugänglich ist. Für Pilger ist sie ein besonderer Ort der Gottessuche: Unterwegs auf der Straße lassen sie sich im Gebet auf Gott hin los und ordnen ihr Leben auf ihn hin neu.
Für die Exerzitienteilnehmer ist das Unterwegssein auf der Straße eine besondere Herausforderung: Kein stiller Raum, keine Kapelle, kein Altar stehen bereit, um das Eintauchen in eine andere Stimmung zu unterstützen. Stattdessen bewegen sie sich auf der Straße, wo der Verkehr, die Geschäfte und der ganze Alltag lautstark weiterlaufen, und die eigenen täglichen Gewohnheiten oft - unbemerkt - auch. Ein erster Schritt ist da schon, das Bewusstsein dafür zu gewinnen, wie stark wir eingeübt haben, im Alltag zu funktionieren, und es nicht so einfach ablegen können. Mit dem Planen und Funktionieren aufzuhören lässt sich nicht per Willensentscheidung einfach so »machen«, sondern hier beginnen die Teilnehmer, loszulassen und sich Gott anzuvertrauen.“1

2. Der Zeitrahmen der Exerzitien

Für die Exerzitien auf der Straße benötigen Sie etwa 45 Minuten täglich.

30 Minuten Zeit für Ihren Spaziergang
15 Minuten für den Tagesrückblick (Gebet der liebenden Aufmerksamkeit)

Beginnen Sie Ihren Spaziergang mit einem Gebet. Vorschläge dafür finden Sie weiter unten.
Es kann aber auch ein anderes Gebet sein, z.B. ein bewusstes Kreuzzeichen. Wichtig ist nur, dass Sie sich bewusst sind, „im Namen Gottes“ unterwegs zu sein, von ihm begleitet und ihn suchend.
Schließen Sie Ihren Tag mit dem Tagesrückblick. Nehmen Sie sich 15 Minuten Zeit dafür, den Tag mit Gottes Augen anzuschauen, und sich Ihre Erlebnisse noch einmal bewusst zu machen.
Auch hierfür finden Sie weiter unten einen Vorschlag.
Es kann nützlich sein, einen kleinen Fotoapparat dabei zu haben, um Ihren „Dornbusch“, oder was immer sie beeindruckt, festzuhalten.
Gehen Sie auf Ihren Wanderungen langsam. Normalerweise gehen wir schnell, weil wir ein Ziel haben, das wir erreichen wollen. Dieses Ziel fehlt uns auf unseren Exerzitien. Der Weg ist das Ziel. Jesus sagt dies ja auch von sich: Ich bin der WEG, die Wahrheit und das Leben (Joh. 14,6).
Wenn Sie langsam unterwegs sind, können Sie besser wahr-nehmen, wer oder was Ihnen unterwegs begegnen will.
Wenn Sie langsam unterwegs sind, signalisieren Sie auch: Ich habe Zeit, ich bin ansprechbar.
Setzen Sie sich nicht unter Erwartungsdruck. Lassen Sie sich und Gott die Zeit, die es braucht, um sich zu begegnen. Die Bibel sagt, dass Moses 80 Jahre alt wurde, bevor er auf den Dornbusch traf…
Wenn Sie wollen, kann es hilfreich sein, sich kundig zu machen, welche Einrichtungen es in Ihrem „Wandergebiet“ gibt: Kindergarten Schule, Sozialamt, Flüchtlingswohnheim, Fabrik, Lebensmittelausgabe der Tafel, Kirchen usw. Beziehen Sie diese Orte, wenn Sie wollen, in Ihre Wanderungen mit ein.
Das Wichtigste aber ist: Seien Sie neugierig!
Einmal pro Woche treffen sich die Teilnehmer außerdem zusammen mit dem Leiter/der Leiterin der Exerzitien, um sich in der Gruppe auszutauschen, sich gegenseitig mit den gemachten Erfahrungen zu bereichern und um auf die kommende Woche vorauszublicken.

3.
Der biblische Rahmen unserer Exerzitien Exodus 3,1-15 

 Moses am brennenden Dornbusch

Die biblische Erzählung setze ich beim geneigten Leser des Pastoralblattes als bekannt voraus. Trotzdem lohnt es sich, die Bibel in die Hand zu nehmen, weil oft das hinreichend Bekannte banal zu werden droht und in unserem Text hat es beinahe jedes Wort „in sich“.
Vier Wochen für fünfzehn Verse? Ja! Weil dieser Text eine der zentralen Stellen in der Bibel ist. Mit ihm beginnt die Geschichte des Auszugs Israels aus Ägypten. Im Rückblick ist dies das zentrale Ereignis im Selbstverständnis der jüdischen Religion. Gott steht auf der Seite der Armen und der Unterdrückten. Mit starker Hand und hocherhobenem Arm befreit er sein Volk aus der Knechtschaft. Hier beginnt die Freiheitsgeschichte Israels.
Auch im jüdischen Gesetz hinterlässt der Exodus tiefe Spuren „… denn ihr wart selbst Fremde in Ägypten“, heißt es an vielen Stellen, die den Schutz der Fremden gesetzlich regeln.
Hier, am Dornbusch begann es, der in der Nähe des Gottesberges Horeb stand. Am gleichen Berg erhält Moses später von Gott die zehn Gebote, die im weiteren Verlauf der Religionsgeschichte als „Grundgesetz“ für viele Kulturen dienen. Sie beginnen nicht mit den Geboten, sondern mit dem Satz: „Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus (Ex. 20,2).
Deshalb kann man mit Fug und Recht diesen Satz als Begründung vor jedes der zehn Gebote stellen und beide mit „deshalb“ verbinden. Z.B.: „Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus (Deshalb:) Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“ (Ex. 20,2f).
Das, was mit der Begegnung am Dornbusch beginnt, ist eine Freiheitsgeschichte.
Das Pascha-Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern im Jerusalemer Abendmahlssaal feiert, hat seinen Ursprung in der Nacht vor dem Auszug aus Ägypten. Im Pascha-Mahl feiert das Volk Israel seine Befreiung durch Gott. Jesus ergänzt dieses Pascha-Mahl durch die Worte, die das Zentrum unserer Eucharistiefeier prägt: „Nehmt und esst alle davon, das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird. Nehmt und trinkt alle daraus. Das ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen worden ist zur Vergebung der Sünden.“ Allein schon diese kurzen Worte machen deutlich, dass unsere Messe sehr stark mit dem verbunden ist, was am Dornbusch begann.
Im Übrigen lohnt es sich, jeden kleinen Schritt dieser Erzählung zu meditieren, weil in ihr viel davon zu erfahren ist, wie Gott auch heute zu uns „spricht“, wer er ist, und was er für uns tut und von uns will.
Ich hoffe, Sie haben Appetit bekommen …

4.
Gebetsanregungen für den Beginn der Übungen und für den Tagesrückblick

4.1 Anfangsgebete zu Auswahl

Hier bin ich Gott, vor dir, so, wie ich bin –
mit meiner Sehnsucht, meiner Hoffnung, meiner Freude,
meinem Ärger, meiner Müdigkeit...
Hilf mir zu sehen, was Du mir jetzt zeigen möchtest,
zu hören, was Du mir jetzt sagen möchtest,
zu spüren, dass Du mit mir gehst und bei mir bleibst.
So bin ich jetzt da vor Dir …2

Gott, lehre mich,
in der Stille Deiner Gegenwart
das Geheimnis
meines Lebens zu verstehen.
Hilf mir loszulassen,
was mich daran hindert, Dir zu begegnen
und mich
von Deinem Wort ergreifen zu lassen.
Hilf mir zuzulassen,
was in mir Mensch werden will
nach dem Bild und Gleichnis,
das Du Dir von mir gemacht hast.
(Peter Köster SJ)3

 

Gott, öffne mir die Augen,
mach weit meinen Blick
und mein Interesse,
damit ich sehen kann,
was ich noch nicht erkenne.
Gott, gib mir ein großzügiges Herz,
das sich Deinem Wort überlässt
und zu tun wagt,
was es noch nicht getan hat.
Gott, ich weiß, dass ich nur lebe,
wenn ich mich von dir rufen
und verwandeln lasse.
(nach Ignatius von  Loyola)4
Ich sitze (stehe/gehe) vor dir, Gott,

aufrecht und entspannt,
mit geradem Rückgrat
In diesem gegenwärtigen Augenblick
lasse ich alle meine
Pläne, Sorgen und Ängste los.
Ich lege sie in deine Hände.
Gott, ich warte auf dich.
Du kommst auf mich zu.
Du bist in mir,
durchflutest mich mit deinem Geist.
Du bist der Grund meines Seins.
Öffne mich für deine Gegenwart,
damit ich immer tiefer erfahre, wer du bist 
und was du von mir willst. Amen.
(nach Dag Hammarskjöld)5

Gott, gib mir blinde Augen
Für Dinge, die nichts taugen
Und Augen voller Klarheit
Für Deine Wahrheit!
(unbekannt)

Aus den Dörfern und Städten
sind wir unterwegs zu dir.
Aus den Tälern und Bergen
sind wir unterwegs zu dir.
Aus den Hütten und Häusern
sind wir unterwegs zu dir.
Aus den Büros und Fabriken
sind wir unterwegs zu dir.
Mit den leidenden Brüdern und
Schwestern
sind wir unterwegs zu dir.
Mit den lachenden Kindern
sind wir unterwegs zu dir.
Mit allen, die an dich glauben,
bilden wir ein großes Volk.
Als Bauleute des Friedens
sind wir unterwegs zu dir.
Als Boten der Gerechtigkeit
sind wir unterwegs zu dir.
Als Zeugen deiner Liebe
sind wir unterwegs zu dir.
(aus Lateinamerika, Fundort: unbekannt)

4.2
Das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ - Beschreibung der Gebetsstruktur  

„Auswertung“ des Tages bedeutet, dass jeder Tag wertvoll ist. Kostbar sind in den Augen Gottes alle Tage und Nächte der Menschen. Diese Sichtweise Gottes, seinen Blickwinkel, will sich das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ zu eigen machen. Dabei können Entdeckungen gemacht werden: Ich darf die Wirklichkeit, so wie sie nun einmal ist, angstfrei wahrnehmen, ohne gleich werten und abwerten zu müssen bzw. abgewertet oder für irgendetwas verurteilt zu werden. Ich darf auf das Gute und Gelungene in Dankbarkeit schauen: auf das Gute, das mir geschenkt wurde, und auf das, was von mir ausgegangen ist, und dies bei mir selber wahrnehmen und annehmen. Ich muss nicht mit dem Unkraut zugleich den Weizen ausrotten. Umkehr bedeutet nicht Vernichtung von Fehlern, sondern Verwandlung; nicht, sich einen Fußtritt zu geben, sondern sich neu ausrichten zu lassen und sich auf den Weg zu machen. Ich darf einen Weg haben und der Weg wächst, so wie die liebende Aufmerksamkeit in mir wächst. Dabei hat alles seine Zeit: das Achten auf äußere Verhaltensweisen, die mich selber oder andere stören; die Aufmerksamkeit für innere Einstellungen und Stimmungen; das achtsame und genaue Nachfragen nach dem, was das eigene Leben ausmacht. Das Beten kann aber auch sehr einfach werden, wie das Gebet eines Bauern, der von sich sagte: „Ich schaue Gott an, und Gott schaut mich an.“
Zur Einübung sind folgende Schritte eine Hilfe, um achtsamer das eigene Leben mit und vor Gott zu leben: 

 Sich Zeit und Raum nehmen; vor Gott gegenwärtig werden

Wie zu Beginn eines jeden Gebetes versuche ich, mich einzufinden. Ein Blick in die Umgebung kann helfen, sie bewusst wahrzunehmen, aber dann Abstand von ihr zu gewinnen. Einige tiefe Atemzüge können mir helfen, wach da zu sein. So kann ich gegenwärtig werden in der Gegenwart Gottes. Er ist da, wo ich bin. Ich bin sein Geschöpf und umgeben von den Zeichen seiner Liebe, auch wenn ich sie bisweilen kaum spüren kann. Je mehr ich ihm danken kann, dass er gegenwärtig ist, desto klarer sehe und erfahre ich, dass jeder Tag mit allem, was er bringt, ein Geschenk seiner Liebe für mich persönlich ist. 

 

Die Bitte, meine Wirklichkeit mit dem Blick Gottes und in seinem Licht sehen zu dürfen

Was und wie meine Augen sehen, ist sehr unterschieden von dem, wie Gott es ansieht. Deshalb bitte ich darum, in seinem Licht die Realität meines Tages anschauen zu dürfen. Ein kurzes Gebet kann den Raum für die liebende Achtsamkeit bereiten:  „Gott, du bist da. Gott ich bin da. Öffne die Augen meines Herzens und lass mich sehen, was du mir durch deinen Geist zeigen willst.“

Den Tag in den Blick nehmen 

Wenn ich durch die vorbereitenden Schritte etwas Abstand vom Tagesgeschehen gewonnen habe, kann ich die Ereignisse und Stimmungen des Tages ans Licht kommen lassen. Es geht nicht darum, sogleich Ja oder Nein zu sagen, sofort zu beurteilen, was sein darf und was nicht, sondern das, was war, sehen zu lernen und gelten zu lassen. Dabei kann ich auch bei solchen Geschehnissen verweilen und sie in den Blick nehmen, die vielleicht viel zu schnell an mir vorübergezogen sind oder sich überschlagen haben, so dass ich ihnen keine oder zu wenig Aufmerksamkeit widmen konnte.

Bei diesem Anschauen können folgende Fragen helfen:
Was ist geschehen? Was habe ich erlebt (Begegnungen und Ereignisse)?
Wovon bin ich betroffen und wovon nicht?
Was bewegt mich? In welche Tendenz drängt diese innere Bewegung?           
Seit wann ist sie im Vordergrund? Wann begann sie? (Es geht nicht um bloße Momentaufnahmen, sondern darum, den Film in seiner Entwicklung zu sehen) 

Innewerden und verstehen

Schon die letzte Frage zielt auf das Bewusst-Werden dessen, was in meiner jetzigen Lebenssituation vorherrschend und bestimmend ist. 
In diesem Schritt versuche ich, mit den „Augen des Herzens“ (vgl. Eph 1, 18) tiefer zu schauen und zu verstehen, was eigentlich an diesem Tage geschehen ist. Es gilt zu sehen, wie in allem Geschehen der Geist Gottes am Werk war. Hier geht es um die „Unterscheidung der Geister“. Ich kann an das Geschehen folgende Fragen stellen:
Welchen Sinn hat das Geschehene von Gott her? 
Kann ich sehen und bejahen, dass durch das Geschehene das Wirken und der Wille Gottes sich in meinem Leben mehr ausgebreitet hat?
Kann ich im Anschauen des Tages durchlässiger für Gottes Wesen und Wirken werden?

Danken und versöhnt werden 

Diese so erfahrene Realität des Tages kann nun mit dem Geschmack des Geistes Gottes zur frohen Botschaft werden:
Was ist mir heute alles geschenkt worden! Gesundheit, Arbeit, Menschen, Begegnungen, Fügungen und Bewahrungen! „Wie gut! Danke, Gott!“
Aber auch Missglücktes, Unerlöstes, unsere Lieblosigkeit, unser Verhaftet-Sein an das Unheil der Welt, unsere Fehler und unser Versagen werden wir vor Gott bringen wollen, damit er es heile und verwandle. „Danke, dass du ja sagst zu mir! Danke, dass du die Sonne deiner Güte über mir scheinen und den Tau deiner Liebe auf mich herabtauen lässt! Danke, dass du den Regenbogen der Versöhnung in die Wolken setzt und über die Erde meines Lebens wölbst!“

Vertrauen und Hoffnung 

Wenn ich so neu beschenkt worden bin mit Dankbarkeit und Versöhnung, werde ich gestärkt, um vertrauensvoll auf die Zukunft zuzugehen. Dankbarkeit ist eine Quelle des Lebens, und die Vergebung von Schuld entbindet gefesselte Kräfte. Ich bitte um Kraft und um Zuversicht, dass ich das, was ich gesehen habe und was mir klar geworden ist, in mein Leben hineinnehmen kann. Je nach der Situation, in der ich mich befinde, werden dabei entweder Hoffnung und Zuversicht oder Entschiedenheit und Entschlossenheit im Vordergrund stehen. Es gilt, sich in die Grundausrichtung hineinnehmen zu lassen, die Gott, der Schöpfer, uns Menschen zugedacht hat: dass unser Leben im Gotteslob und im Dienst an ihm zu seiner Erfüllung kommt. „Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahinein werden wir verwandelt, und wir kommen, wohin wir schauen.“
(Heinrich Spaehmann)6

Die Exerzitien im Alltag erstrecken sich über vier Wochen. In jeder Woche gibt es drei Impulse, die jeweils für zwei Tage gedacht sind. Der 7. Tag ist dem Wochenrückblick gewidmet.
Die Wochen stehen unter den Überschriften:

1. Woche: Aufmerksam werden (Der Dornbusch)
2. Woche: Zieh deine Schuhe aus
3. Woche: Ich habe das Elend meines Volkes gesehen
4. Woche: Ich bin der „Ich bin da“!

Wer Interesse an dem detaillierten Entwurf der Exerzitien hat, kann mir gern eine E-Mail schicken:
clemens.rieger@erzbistum-koeln.de

Anmerkungen:

Herwartz, Christian: Brücke sein – Vom Arbeiterpriester zum Bruder. Berlin 2013, 151-153.            
Wer sich intensiver mit dem geistlichen Hintergrund der Straßenexerzitien befassen will, sei auf die zwei folgenden, kleinen Bücher verwiesen:
Christian Herwartz: Auf nackten -Sohlen – Exer-zitien auf der Straße, -Ignatianische Impulse, Bd. 18. Würzburg 2006;    derselbe: Brennende Gegenwart. Ignatianische Impulse, Bd. 51. Würzburg 2011 und auf die Internetseiten: www.strassenexerzitien.de; https://nacktesohlen.wordpress.com
Gefunden in: Anne Granda, Inge Jaumann, Leonore Körner, Günther Lohr: Exerzitien im Alltag. München 1998, S. 32
Gefunden in : Ewig nahe: Exerzitien mit den Perlen des Glaubens, von Kirstin Faupel-Drews. Kiel 2014.
S. Anm. 3.
S. Anm. 3.
Gefunden im Internet unter:               
http://www.exerzitien-herzensgebet.de/
Gebet.lb.Aufmerksamkeit.Beschreibg.d.Struktur.pdf              
nach einer Vorlage von Willi Lambert.

 



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